Lehmann reads her poem: “In alten Partituren”

• A late Lehmann poem followed by a translation by Beaumont Glass

Vergessen gibt,

Ich glaube, eines Engels Hand,

Denn abgewandt

Sind wir von dem was einst gewesen.

Genesen von vielen Menschenleben

Müssen, im Aufwärtsstreben,

Auf’s Neu’ und Aberneue wir ersteh’n,

Bis wir verweh’n

In jenem Morgenrot,

Das golden in mein Fenster loht —

Im Wind — in Meereswogen —

Im Sternenstrahl — im Regenbogen —

Im Lächeln Gottes, das du leuchten siehst,

Wenn Abendgold im Meer zerfliesst.

Perhaps it is an angel’s hand

That grants oblivion;

For we are turned aside

From what has been before.

Though healed from many human lives,

We must be born, and ever born again,

Until we fade away

Into that golden dawn

That now is glowing through my window,

One with the wind — the waves —

The starlight — and the rainbow —

One with the smile of God,

That lights the sky

When golden sunsets melt into the sea.

• The following pages are from the program of Pasatieri’s cycle based on Lehmann’s poems. They are from Lehmann’s 1969 book Gedichte and will be found (in a different order) below with different translations.

• Lotte Lehmann’s poems from her Gedichte of 1969 with my translations or those of Judy Sutcliffe

I

Wegstürzend Telegrafenpfähle –

Grauweißen Rauchs geballtes Wolkenspiel –

Mein Zug, zu ewig fernem Ziel

Hinrasend, stampft gewohnte Melodie

Durch weite, schwingende Prärie,

Durch gold’ne, stille Abendhelle.

Dies atemlose Vorwärtsjagen,

Dies nie Verweilen, niemals Stillesteh’n,

Dies rastlos Kommen, rastlos Weitergeh’n

War meines Lebens brausender Gesang,

War mir Musik und Lust und Klang

In meines Herzens unruhvollem Schlagen.

Nun fühle ich den Lärm verhallen –

Und tiefe Stille ist in mir erwacht,

Das ich, auftauchend wie aus wirrer Nacht,

Die Welt zum ersten Male sehend

Und ihre Schönheit ganz verstehend

Muß voller Andacht in die Kniee fallen.

Gott hat mir viel und gnadenvoll gegeben,

Und meine Stimme pries es im Gesang,

Daß ihrer ward des Wohllauts Klang.

Nun aber wollen meine Augen baden

In neuer Schönheit unerhörten Gnaden

In neu erwachtem, tief bewußtem Leben.

9

II

Ich hab’ ja nicht gewußt, wie in den Ästen

Des kahlen Baums so viele Anmut lebt,

Daß Gold und Silber lieblich sich verwebt

In bronzenem Gespinst, in dem die Knospen träumen

Von kommendem, lenztrunk’nem Überschäumen,

Ich wußte nichts von diesen besten,

Erhabenen Gesdhenken, vor uns ausgestreut,

Ich hatte niemals Zeit, konnt’ niemals rasten

War wie gejagtes Wild im Vorwärtshasten…

Doch nun mach’ ich den Jäger mir zur Beute.

Die mich gehetzt, ich fang’ die Zeit– und heute

Hat sich auf ihren Schwingen meine Welt erneut!

7 & 9

11

Wildgenoss’ne Jugendabenteuer

Reifer Jahre heiß bewußtes Sichverschwenden –

Gleitet nun aus meinen Händen,

Und von Glut und Feuer

Bebe nur lächelndes Gedenken…

Wenn ich mich auch hingegeben

An die Lust des Augenblickes,

An die Wonne dieses Glückes,

Das berauschende Erleben –

Niemals konnt’ ich mich doch ganz verschenken.

Was ich unberührbar in mir fühlte

Tief in meines Herzens Grunde,

Harrte immer doch der Stunde,

Da der reine Herbstwind mich durchkühlte,

Und des Sommers Glut entwich…

Dieses Sicherheben aus verwirrten Sinnen,

Aufschau’n in die Morgenklarheit,

Lösend sich aus süßer Narrheit,

Ist ein wunderbares Neubeginnen,

Ist ein Weg zu meinem Ich!

Wild comrade youth adventures

Mature years hotly consciously wasting oneself –

Now slide from my hands

And of embers and fire

Just tremble smiling memory …

If I also gave myself up

To the pleasure of the moment,

To the bliss of this happiness,

The intoxicating experience –

I could never give myself away completely.

What I felt untouchable inside of me

Deep in my heart,

Always waited for the hour,

Since the pure autumn wind cooled me down,

And the embers of summer escaped …

This feeling of security from confused senses

Looking up into the morning clarity,

Breaking away from sweet foolishness,

Is a wonderful new beginning

Is a way to my self!

13

Die Linien deiner Stirn

Sind so wie weite Vogelschwingen

Gebreitet über deiner Augen

Stille See’n

Doch die Gedanken

Schlagen sich die Flügel müde

n hohen Kirchenwänden,

Flattern matt

Zu Fußen der Altäre,

Wo Kerzen glüh’n

In sanftem Licht…

O Kühle, weiße, wesenlose Kühle

In deiner Adern stetem Strom!

Da ist kein Feuerbrand,

Der sie zur Flamme wandelt

Und keine Glut,

Die deine Augen

Verwirrend treffen kann,

So das ihr ruhevolles Licht

Verdunkelt…

Und da ist keine Kraft,

Die deines Mundes

Sicherheit

Die glatte, unberührbare,

Zerstört…

Da ist kein Leben, das dich Toten weckt…

The lines of your forehead

Are like wide wings of a bird

Spread over your eyes

Silent seas.

But the thoughts

Flap their wings wearily

On high church walls,

Flutter weakly

At the foot of the altars,

Where candles glow

In soft light …

O coolness, white, unsubstantial coolness

A steady stream in your veins!

There is no fire blight,

That turns them into a flame

And no embers,

That can confuse 

Your eyes,

So that the peaceful light

Darkens …

And there is no strength,

That of your mouth’s

Security

The smooth, untouchable,

Destroyed…

There is no life that wakes you dead …

15

Hat sich denn deine Lebensglut verschwendet

In den Gebeten nur vor strengen,

Lichtschimmerndenden Altären?

In Träumen, die dich nachts bedrängen

Und die– abwegig fortgewendet –

Die fromme Seele dir verzehren?

Oder du Stiller, schöpfst du Harmonie

Aus deines Wesens kühlen Tiefen,

Die sanft durch deine Adern fließt, so wie

Die Bäche, die im Tal den Sturm verschliefen,

Der wild um rauhe Gipfel rast…

O könnte ich das das Rätsel doch ergründen,

Das du in dich verschlossen hast –

Und in erlösendem Entzünden

Dein Blut entflammen, heiß und schwer,

Daß alle Ströme glühend münden

In meines Herzens sturmbewegtem Meer!

Has your life’s glow been wasted

In the prayers only before severe,

Light shimmering altars?

In dreams that haunt you at night

And those – turned away astray–

Consume your pious soul?

Or you still one, you create harmony

From the cool depths of your being,

That flows smoothly through your veins, like

The brooks, that slept through the storm in the valley,

Which races wildly around rough peaks …

Oh, if I could figure out the riddle

That you locked yourself in –

And in redeeming ignition

Your blood aflame, hot and heavy,

That all the rivers flow glowingly

In the stormy sea of my heart!

17 

Man schlägt mit ungeduld’gen Fäusten nicht

An Kirchentüren…

Man stiehlt nicht Gold vom Hochaltar …

Man sieht nicht in’s geweihte Licht

Fordernden Blicks– und bar

Der frommen Demut, die sich ganz verlieren

Und ganz zu geben weiß

Den holden, erdentrückten Sphären,

Darin der Engel meiner Kindheit schwebt…

Mein ungestümer Mund bedrängte heiß

Den deinen, der sich ohne Wehren

Und ohne Wunsch ergab. Und unerlebt

War dir mein Kuß, der mich durchbebt

In Sehnsucht, ganz dich zu erfüllen –

Und diese Lippen, diese stillen

Und rätselvollen, aufzuschließen,

Um meines Liebens ungestilltes Wissen

In dich hinströmend zu ergießen…

One doesn’t hit with impatient fists

On church doors …

One doesn’t steal gold from the high altar …

One doesn’t see in the sacred light

Demanding look and bar

The pious humility that is completely lost

And knows how to give

The fair, earthly spheres,

The angel of my childhood hovers in it …

My boisterous mouth pressed hot against

Yours which cannot defend itself

And surrendered without a wish. And unexperienced

Was my kiss to you that shook me through

Longing to completely fulfill you –

And these lips, these are silent

And puzzling to unlock

For the unsatisfied knowledge of my love

To pour into you … 

19

Die Mondnacht bricht in blauer Helle

In mein Gemach und gießt

Den sanften Silberstrom bis an die Schwelle,

Wo er verrinnend in den Schatten fließt.

O jäher Aufblick, hold vom Schlaf umfangen,

Zu diesem friedevollen Bild,

Das meiner Seele glühendes Verlangen

Mit Sternenschönheit füllt!

Die Augen wollen mit Entzücken trinken

Das Wunder, das mich lieblich traf.

Dann werd’ ich lächelnd sinken

in Schlaf–

Und süß in wunschlos stillen Träumen

Dem Lied der Wogen wieder lauschen,

Die durch die Nacht in tiefem Rauschen

Am Strand uns’res Orplid verschäumen.

21 

Wie schön ist dieser tiefe Schlummer,

Wie sch?n die saphirblaue Ferne!

Es leuchten über mir die Sterne,

Der ganze Himmel ist mein Zimmer,

In dem ich träumend liege.

Der Wind spielt in den stillen Zweigen,

Die sanft sich seinem Atem neigen,

Wie eine schwanke, grüne Wiege.

Drei schwarze Tannen stehen Wacht

Und breiten ihre Engelsschwingen

Über mein Bett. Und Sterne singen

Ihrer erhab’nen, ew’gen Kreise

Unalte, wundersame Weise

Durch diese warme Julinacht.

23

Ob jetzt an meinen Fenstern die Geranien

In roten Blüten übergeh’n?

Ob wohl im Prater die Kastanien

In tausend weißen Kerzen steh’n?

Wie oft sind wir zu zweit geritten

In frischer, herber Morgenluft

Durch sel’ges Blumenüberschütten,

Durch grüner Bäume würz’gen Duft…

Es hingen in den Mähnen uns’rer Pferde

Kastanienblüten, taumelnd, windzerzaust,

Auf spritzte von den Hufen braune Erde,

Wenn galoppierend wir dahingebraust

Durch die Alle, die lange, waldumsäumte…

Ach, daß ich wieder von dir träumte,

Du schöne Stadt im Frühlingsblüh’n…

Mein Wien!

25

Am Grunde seiner Augen brennt das Feuer,

Das maßvoll er zu meistern sich bemüht,

Das Feuer, das verhalten in ihm glüht,

Und das kein Wort verrät, kein scheuer,

Ausbrechend schneller Blick, der, blitzesgleich,

In’s Blut der Frauen zündend bräche…

In herb verschloss’ner Haltung birgt sich seine Schwäche,

Der zu erliegen er erbebt. Sein strenges Reich

Hat klösterlichen Wall. Und die Gedanken

Sind Diener seines Willens. – Doch wer weiß

Von seinen Träumen, süß und heiß,

Die strömend durch die edlen, schlanken,

Gel?sten Glieder glüh’n?…O süße, sündenvolle

       Stunde,

Da sich sein Traumbild zu ihm neigt und ihn

       umschlingt

Und junges Leben durstend trinkt

Von diesem stolzen Knabenmunde…

The fire burns at the bottom of his eyes,

That he tries to master with moderation,

The fire that glows cautiously in him,

And that doesn’t reveal a word, not a cautious one,

A quick look that, like lightning,

Burning into the blood of women …

His weakness is hidden in a bitterly closed posture,

To succumb he trembles. His strict realm

Has monastic bullwark. And the thoughts

Are servants of his will. – But who knows

About his dreams, sweet and hot,

Flowing through the noble, slim,

Relaxed limbs glowing? … O sweet, sinful ones

        Hour,

As his dream image leans towards him and 

        wraps around him

And thirstily drinks young life 

From this proud boy’s mouth …

27

“Und morgen wird die Sonne wieder scheinen…”

We oft hab’ ich das Lied gesungen,

Indes du, siech und krank,

Um Atem hast gerungen

Allein und todesbang…

Wir glaubten an den Tag, den einen,

Der uns versprochen und verheißen:

Daß du, zurückgegeben

Dem schönen, so geliebten Leben

Mit mir am Strande stehst im Sonnengleißen.

Ich neige mein Gesicht in stillem Weinen,

Singe ich jetzt dies Lied:

Dir, der für immer von mir schied,

Wird nie die Sonne wieder scheinen…

“Und morgen wird die Sonne wieder scheinen…” (from “Morgen” by Strauss)

How often have I sung that song

While you, ailing and sick,

As you struggled for breath

Alone and deathly afraid …

We believed in that day, the one,

Which pledged and promised us:

That you, restored

To the beautiful, so beloved life

To stand with me on the beach in the glistening sun.

I tilt my face in silent weeping,

I’m singing this song now:

On you who are parted from me forever,

The sun will never shine again …

29

So hört’ ich wieder deiner Stimme Ton,

Die einst mein Herz erzittern machte…

Ich lachte

Ob der versunk’nen Illusion.

Wie seltsam: ich versteh’ es kaum

Daß dieser schien der einzig Eine…

Und doch: ich weine

Un einen toten Traum.

I heard the sound of your voice again,

That once made my heart tremble …

I laughed

Over the lost fantasy.

How strange: I hardly understand it

That this one seemed the only one …

And yet: I’m crying

Over a dead dream.

31

In Flammen starb dein Bild…

Dies Antlitz, weißgeglüht in eig’nen Gluten,

Zerging in rasendem Verbluten

Der Feuerwoge, rot und wild,

Die über uns’re Gipfel niederbrach…

Die Berge brannten, und die Wälder starben.

Das Haus versank in Flammengarben,

Dein Bild mit ihm, dein Angesicht…

Dich zeichnend, ziehe ich nun nach

Der wunderbaren Stirne edle Schwingung,

Der Augen dunkles Licht

Des Blickes zündende Durchdringung…

Doch ach, ich kann dich nicht erfassen…

Die Farben scheinen matt, wie mein Gefühl

Ermattete in mählichem Verblassen…

Ih weiß, mit Farben, hell und silberkühl,

Kann ich dein Angesicht nicht zwingen…

In Feuer müßt’ ich meinen Stift versenken,

Mit rotem Herzblut meine Farben tränken,

Sollte mir dieses Bild gelingen…

33

Als ich heut’ heimfuhr, brannte letztes Sonnenglühen

Über den Hudson hin –

Und Häuserreih’n, von Jahren graugefressen,

Erstanden wie in leuchtendem Erblühen

Und sanken in den Abend hin

Pracht und Schönheit unermessen.

So –sonnengleich– dein Lächeln kam

Und strahlte süßestes Vergessen

Der Zeit, die mir die Jugend nahm –

Und überströmte mich mit Abglanz des

     vergang’nen Glücks…

Wie kannst du so mit einem Blitz des

     dunklen Blicks

Vergessen machen, daß die Träume ausgeträumt?

Wie kannst du so mich wandeln,

Das in meinen Adern wieder schäumt

Das halb vergess’ne, wunderbare Feuer?

Und daß mein Mund, der ungewohnte, sich in neuer

Und süßer Sehnsucht dir entgegenhebt?

Wie kannst du so mich wandeln,

Daß auf’s Neue bebt

Dies Herz, dess’ Glut so lange schon verblich?

Heut’ singt es nur ein Wort: ich liebe dich.

35

I

O du phantastisch schöne Nacht!

Des Mondes breite Silberbahn

Schien Weg und Ziel…

Und unser Schiff ein stiller Schwan,

Durch schwarze Seide hingetragen …

Wei’ß, leuchtend, kühl

In tiefer Himmelsferne

Das Silberlicht

Der Sterne…

Ich lag am Deck, und mein Gesicht

War reglos aufgeschlagen …

Würden in sausendem Gleiten

Funken fallen ins Dunkel hinein?

Wie wollt’ ich meine Hände breiten,

Ganz ohne Staunen:

Dies ist die Stunde, da Feen schreiten

Und Märchen raunen…

Ein Märchen scheint es, daß wir gleiten

Zwischen den Welten und Ozeanen…

Vielleicht war alles ein Traum:

Brausender Flug in endlosen Bahnen

Über die purpurglühende Wüste –

Um uns Wolken, wie Schnee und Schaum –

Colombo’s bunte, schimmernde Küste –

Der Buddhapriester im Goldgewand –

Und nackte Menschen auf heißen Feldern –

O you wonderfully beautiful night!

The broad silver orbit of the moon

Seemed path and goal …

And our ship a silent swan,

Carried by black silk …

White, bright, cool

In deep heavenly distance

The silver light

The Stars…

I was lying on the deck and my face

Was motionless, open …

Would, in a whizzing slide

Sparks fall into the dark?

How would I spread my hands

Without astonishment:

This is the hour when fairies stride

And fairy tales murmer …

It seems like a fairy tale that we slip

Between the worlds and oceans …

Perhaps it was all a dream:

Roaring flight on endless paths

Across the purple glowing desert –

Around us clouds like snow and froth –

Colombo’s colorful, shimmering coast –

The Buddhistic priest in the golden robe –

And naked people in hot fields –

37

II

Ach, und der süße, berauschende Duft,

Der über den Dörfern lag –

Schwer von Blüten die schwüle Luft,

Von Cocosöl und betäubendem Tee–

Und die weiße, strahlend helle Moschee –

Ferne in den australischen Wäldern

An einem hellen Sonnentag

Der seltsame Vogel, tanzend und singend –

Tasmania’s tief schimmernde Goldzypressen–

Schmetterlinge, um Blumen schwingend

Mit leuchtenden Flügeln–

Der rosige Schein auf jenen Hügeln –

Und diese Weiten, unermessen,

Durch die wir schweben

Heimatentgegen in weißem Licht –

War es ein Traum? War es Erleben?

Ich weiß es nicht…

Oh, and the sweet, intoxicating scent,

That lay over the villages –

The sultry air heavy with blossoms,

Of coconut oil and dazing tea –

And the white, bright and radiant mosque –

Distant in the Australian forests

On a bright sunny day

The strange bird, dancing and singing –

Tasmania’s deep shimmering golden cypress –

Butterflies floating around flowers

With glowing wings –

The rosy glow on those hills –

And this vastness, immeasurable,

Through which we float

Homeward bound in white light –

Was it a dream? Was it reality?

I don’t know…

39

Wir fahren uns’re regennasse Straße

Auf die das Silberlicht ein mattes Schimmern haucht.

Die Ferne ist verlöscht. Das blasse,

Unheimliche Gebild’, das aus dem Nebel taucht,

Formt sich zum Baum. Und hier, gewoben

Aus grauem Florgespinst, ein schlicht

Und friedvoll’ Haus, emporgehoben

Gespensterhaft, so wie ein drohend’ Nachtgesicht.

Durch Regen fahrend, grüßt mein Herz die Ferne,

Wo über Wolken wir gelebt –

Da wo aus tiefem Glanz der Sterne

Die ew’ge Sonne strahlend sich erhebt…

We drive our rain–soaked road

On which the silver light breathes a dull shimmer.

The distance is extinguished. The pale,

Eerie form that emerges from the mist,

Forms itself into a tree. And here, woven

Of gray fleece, a plain

And peaceful house, appears

Ghostly, like a threatening night face.

Driving through the rain, my heart greets the distance,

Where we live above the clouds –

There, where from the deep shine of the stars

The eternal sun rises radiant …

41

Wie lieb’ ich diese klare Stunde,

Die zwischen Tag und Abend liegt,

In der die Berge in den Horizont gefügt

Sind wie geschliff’ne, gläserne Paläste.

Und um die zarten Silberäste

Der jungen Bäume schimmert Sonnenlicht,

Das goldverblassend dort vergeht,

Wo erster violetter Schatten weht.

Wie lieb’ ich dieser Stunde reine Helle,

Die zwischen Tag und Abend steht!

Kristall’nes Tor, leuchtende Schwelle,

Die sanft den Tagesmüden führen will

Hin in den Abend, tief und sternenstill!

How I do love this clear hour,

That lies between day and evening,

In which the mountains are swept into the horizon

Like polished, glass palaces.

And of the delicate silver branches

The young trees shimmer with sunlight,

That fades to gold there,

Where the first violet shadow wafts.

How I do love this hour of pure brightness,

That lies between day and evening!

The crystal–like gate, shining threshold,

That gently leads the weary day

Into the deep and star–still evening!

43

Und immer wieder holdestes Erstaunen

Wenn ich, des Nachts aufblickend,

Im sanften Blau die Sterne seh’…

Im Tal des Windes Raunen,

Der wundersam erquickend,

Hier auf des Berges Höh’

Mit weiten, kühlen Schwingen

Um meine Stirne streicht…

Es ist so still, die Erde schweigt,

Nur Grillen singen.

Jedoch ihr Lied klingt mir aus Fernen,

Denen ich längst entwich.

Ich träume, daß ich lang’ verblich

Und schwebe zwischen Sternen…

And always lovely astonishment

When I look up at night,

See the stars in the soft blue …

Murmuring in the valley of the wind,

Which, miraculously refreshing

Here on the mountaintop

With wide, cool wings

Strokes my forehead …

It’s so quiet, the earth is silent

Only crickets sing.

But thier song sounds to me from afar,

Which I have long since escaped.

I dream that I have long faded

And float between the stars …

45

Nach stürmischem Gewitterregen,

Jäh’ zerreißend

Erstickender Betäubung dumpfe Schwüle,

Die lähmend auf dem Lande lag,

Strahlt heut’ ein lichter Sonnentag.

Doch in der Luft steht noch des Sturmes Kühle.

Die gold’nen Strahlen liegen gleißend

Auf regennassen Wegen,

Und über Wald und Wiesen flammt ein neuer,

Smaragd’ner Schein wie zarte Flammengarben:

Der Frühling kam im Sturm und brennt in

     tausend Farben

Sein grünes, buntes Freudenfeuer.

After a stormy thunderstorm,

Suddenly tearing away

Suffocating numbness, dull sultriness,

That lay paralyzing in the country,

A bright sunny day shines today.

But the storm’s coolness is still in the air.

The golden rays are glistening

On rain–soaked paths

And a new one flames over the woods and meadows,

Emerald–like it shines as delicate sheaves of flame:

Spring came in the storm and burns in

      a thousand colors

Its green, colorful bonfire. 

47

Wir sind der Wolken Schwestern,

Schwebend in blauem Geleucht’…

Den Kopf hintüber gebeugt

Lieg’ ich im offenen Wagen,

Sausend, fliegend getragen,

Entgegen dem Morgen, entfliehend dem Gestern…

Wir sind wie Vögel, die heiter

Fiegen von Ziel zu Ziel.

Wir lieben des Windes Spiel

Um sonneglühende Wangen

Und haben nur ein Verlangen:

Weiter!

So wie in tanzendem Reigen

Ziehn jagende Bilder vorbei.

In buntem Wechsel und ewig neu

Gibt uns der Tag mit gütigen Händen

In überströmendem Verschwenden

Die ganze Welt zu eigen…

49

Die Sonne malt mit königlicher Geste

Die Bauernhäuser, daß wie strahlende Paläste

Sie sich erheben aus dem blauen Horizont.

Die Dächer schimmern silberfarben,

Und Fenster blitzen Diamantengarben,

Das gelbe Stroh liegt, golden übersonnt,

An feurig purpurglüh’nden Ställen,

Vor deren Stufen samt’ne Tücher schwellen

Aus sanftem Wiesengrün hin in die braune Glut

Der Erde, warm und tief und gut.

The sun paints with a royal gesture

The farmhouses, that, like shining palaces

Rise from the blue horizon.

The roofs shimmer in silver

And windows twinkle like sheaves of diamonds,

The yellow straw lies covered in gold,

In fiery purple–glowing stables,

Velvet cloths swell out in front of the steps

From soft meadow green to the brown glow

Of the earth, warm and deep and good.

51

Des Kirschbaum’s zart gesponnenes Geäst

Hat ros’ge Blütenschleier über sich gezogen,

Die Dogwoods strecken ihrer Zweige

     anmutvolle Bogen

Zwischen den dunklen Tannen aus,

Als wären tausend Falter dort herabgeflogen

Und hingen da, so wie in schwankem Nest,

Mit stillen, weißen, starren Schwingen.

Wie süßfer Duft verborgener Syringen

Durchströmt’s die warme Sommerluft.

Ein Blumenteppich liegt in bunter Pracht

Auf halb zertret’nen Stufen prunkvoll hingebreitet,

Die aufwärts führen, wo der Weg sich weitet

Und sich verliert in dunkle Waldesnacht.

Ich glaube, abends kommt wohl Pan herabgestiegen,

Sitzt dort auf jenem graubemoosten Stein,

Bläst tief versonnen seine Melodien –

Und seine grünen Augen lächeln tief verschwiegen…

The cherry tree’s delicately spun branches

Has drawn a pink veil of flowers over it,

The Dogwoods stretch their branches

      gracefully arching

Between the dark fir trees,

As if a thousand butterflies had flown down

And hung there like in a swaying nest

With silent, white, motionless wings.

Like the sweet smell of hidden lilac

The warm summer air flows through.

A carpet of flowers lies in colorful splendor

Ornately spread out on lightly–trodden steps,

That lead up to where the path widens

And looses itself in the dark forest night.

I think Pan will come down in the evening,

Sitting there on that gray mossy stone,

Deeply pensively piping his melodies –

And his green eyes smile deeply in secret … 

53

Die Berge steh’n wie blaue Schatten

Am Horizont – fern, schemenhaft und zart.

Die Wüste schweigt, heiß und erstarrt.

In violetten Tönen, feinen, matten,

Sind Blumenteppiche in’s Weiß gemalt…

Zerriss’ne Dornenbüsche haben Blütendecken,

Und die gespenstischen Kakteen,

Die ihre Stachelarme aufwärts recken,

Von Sonne glühend überstrahlt,

Blitzen mit scharfen, glatten,

Silbernen Pfeilen, nadelhart.

Es ist so still, nichts regt sich weit und breit,

Die Erde ist so fern, so tief versunken,

Und weltverloren, sonnetrunken,

Bin ich allein in diamant’ner Ewigkeit.

The mountains stand like blue shadows

On the horizon – distant, shadowy and delicate.

The desert is silent, hot and petrified.

In violet tones, delicate, faint,

Are flower carpets painted in white …

Shredded thorn bushes have flower quilts,

And the ghostly cacti,

Which stretch their barbed arms upwards,

Their glowing, outshone by the sun,

Flash with sharp, smooth,

Silver arrows, needle–hard.

It’s so quiet, nothing moves far and wide,

The earth is so remote, so deeply sunk,

And lost to the world, drunk with the sun,

I am alone in diamond–like eternity.

55

Mißtönend schrillt es durch der Straßen Melodie,

Die uns so leicht und froh umklingt

Und hell aus hundert Kehlen singt–

Wie dunkles Blut tropft es auf der Palette

Heiter erglüh’ndes Farbenspiel:

Zu düstrem, grauenhaften Ziel

Schwankt eine Kette

Belad’ner Wagen … Tiertransport…

Aus eines Hofes sich’rem Port,

Aus grüner Wiesen duftendem Gelände,

Treibt man, in Wagen hoch beladen,

Sie einem martervollen, dunklen Ende

Entgegen, und der Weg ist ohne Gnaden …

Das ist der Welt unfaßbarer, brutaler Lauf:

Der Starke frießt den Schwachen auf

In gier’gem Tötenwollen, immer ungestillt…

Indes Natur, in königlichem Walten,

Das Grauen dieser Erde in die Falten

Des Sternenmantels ew’ger Schönheit hüllt…

Jarring sound shrills through the melody of the street,

That resounds around us so easily and happily

And sings brightly from a hundred throats–

That drip like dark blood on the palette

Of a brightly glowing play of colors:

To a gloomy, grim goal

A chain sways

Loaded wagon … animal transport …

From a courtyard safe port,

From green meadows with scented terrain,

If one drifts, loaded in wagons,

A torturous, dark ending

Onward towards, and the way is without mercy …

This is the world’s incomprehensible, brutal course:

The strong eats up the weak

In greedily wanting to kill, always unsatisfied …

Meanwhile nature, in regal reign,

The horror of this earth, in the folds

Of the star’s cloak of eternal beauty, envelops …

57 (and 59)

I

Die jungen Mädchen gingen aus

Heut’ Nacht zum Ball.

Es schallte durch das Haus

Ihr Lachen, Scherz und Widerhall.

Drei Frauen saßen bei der Lampe Schein

Und lächelten und nickten

Den Kindern zu, den hold entzückten.

Die Handarbeit… Ein Buch… Halbfert’ge

     Malerei’n …

Ein langes, langes Stillesein,

Nachdem die Jungen fortgefahren…

“Ach, könnte ich von meinen Jahren

Doch soviel streichen,

Daß ich wär’ wie sie,”

Sagte die eine, “und so klug sein wie

Ich heute bin! Wie wollt’ ich wahren

Der Jugend viel zu kurzes Glück!”

“Denk’ ich zurück,”

Sagte die andere gedankenschwer,

“Wie hart mein Weg war, und wie sehr

Enttäuschung folgte manchem Traum,

So hab’ ich kein Verlangen,

Von Neuem anzufangen.”

II (59)

“Ich glaube kaum,”

Sagte die Dritte tief versonnen,

“Daß ich als junger Mensch

Soviel gewonnen,

Soviel genossen hab’ als jetzt in dem Erkennen,

Daß es ein schöneres Entbrennen,

Als das der Liebe gibt…

Und jung sein, heißt verliebt sein…

Jedenfalls für mich…

Heut’ scheint mir beinah lächerlich

Die sel’ge Lust, der heiße Schmerz,

Das Fieber, das zerriss’ne Herz…

Es ist ein Kranksein,

Dieses Beglücktsein, dieses Bangsein…

Das reife Alter wendet sich

Zu geist’gen Dingen,

Die schönere Entzückung bringen.”

Sie saßen still und schwiegen

Die Drei.

Es tickte laut die Uhr

Den schnellen Lauf der Zeit,

Der seine Spur

Den Dreien ins Gesicht geschrieben …

57 & 59

61

III

Leis’ rührte die Erinnerung

Sie an. Sie waren wieder jung

In ihren wandernden Gedanken…

Ein Frühlingsabend… Und die schlanken

Kosenden Finger im offenen Haar…

Ein heißer Mund… Und wie süß das war,

Der jungen Schultern schöner Bogen

In ihrer Hand… Und in starke Arme gezogen…

Ach so jung, ach so dumm…

Die Drei sind ganz stumm.

Dann ist der Zauber gebrochen,

Und es wird vernünftig gesprochen,

Nicht mehr von damals,

Nein, von morgen, von heut’…

Und die Uhr

Tickt eilig die Zeit…

The memory touched you lightly.

You were young again

In her wandering mind …

A spring evening … And the slim

Fondeling fingers in loose hair …

A hot mouth … and how cute that was

The young shoulders’ beautiful arch

In her hand … And drawn into strong arms …

Oh so young, oh so stupid …

The three are completely mute.

Then the spell is broken

And one speaks sensibly

Not about the past,

No, about tomorrow, about today …

And the clock

Ticks quickly … 

63

Wie blaue Dome ragen Berge

In Nebelfernen himmelan.

Verdorrt liegt weit im Abendglühn

Prärie. Nur dann und wann

Ein spärlich Fleckchen Grün.

Steine… Geröll… Kakteen

Wie seltsam mißgestaltet’ stachelige Zwerge…

Wo sich Prärie in Wüstenland verliert

Und jählings stürzend, abwärtsführt

Streckt sich des mächt’gen Colorado

Trockener Stromeslauf.

Staub wirbelt auf…

Im Abendlicht

Naht sich gedrängt die Herde

Der frommen Schafe. Auf sonndurchglühter Erde

Flockigen Gewölkes dicht

Und weißgeballtes Staubgewirr…

Der junge Hirte in armsel’gem Kleid

Führt Weib und Kind auf seinem Eseltier

Durch tiefe Einsamkeit.

Ein stiller Friede liegt

Auf diesem Bild,

Wie aus dem heil’gen Buch geschnitten …

So kamen sie geritten:

Auf einem Esel, durch die wild

Und einsam unwirtlichen Weiten.

Siehe: Maria wiegt ihr Kind…

Und in des Hirten Schreiten

Klingt der Choral der Ewigkeiten.

Mountains rise like blue domes

In the distant mist, skyward.

In the distant glow of the evening lies the withered

Prairie. Only now and then

A sparse patch of green.

Stones … boulders … cacti

Like strangely misshapen prickly dwarfs …

Where prairie is looses itself in desert

And suddenly falling, leads downwards

The mighty Colorado stretches out

Dry river course.

Dust swirls up …

In the evening glow

The herd draws closer together

The pious sheep. On sun–drenched earth

Dense flaky clouds

And white clusters of dust …

The young shepherd in a poor clothes

Leads wife and child on his donkey

Through profound loneliness.

A quiet peace lies

On this picture,

As if cut from the holy book …

So they came ridden:

On a donkey, through the wild

And lonely inhospitable expanses.

See: Mary rocks her child …

And in the shepherd’s steps

Sounds the chorale of the ages.

65

Hei, welch’ ein lust’ges Abenteuer!

Das nenn’ ich eine tolle Jagd!

Wie haben sie das Land geplagt,

Der gier’gen Krähen freche Scharen

Die eine böse Plage waren –

So hat der Magistrat gesagt…

Nun aber ist befohlen worden,

Die kecken Räuber zu ermorden.

Hei, welch’ ein wunderbares Feuer

Zucht aus zerkrachenden Granaten!

Der Krähenhorst ein Flammengrab!

Schwarz, flügelschlagend, stürzt herab

Was sonst in blauen Lüften schwebte,

Was atmete, was war, was lebte…

Zu Hundert’ schießen sie sie ab…

Zerfetzt, zerrissen, wund und weh

Liegen sie ausgestreckt im Schnee,

Die Opfer dieser Heldentaten…

Was noch nicht tot ist, macht ein wilder,

Jagdfroher Hieb auf immer schweigen.

Die Morgenzeitung bringt die Bilder.

Sie will uns recht anschaulich zeigen

Das Resultat der edlen Jagd…

Ein Mann ist da im Bild, der lacht,

Er lacht zu all’ der Todesnot–

Er lacht, weil ihm der Spaß gefällt…

Wo bist du, Schöpfer dieser Welt?

Wo bist du, Gott?

Hey, what a fun adventure!

That’s what I call a great hunt!

How did they torment the land,

The greedy crows’ cheeky flocks

Who were an evil nuisance –

So the magistrate said …

But now it has been ordered

To murder the bold robbers.

Hey, what a wonderful fire

Bred from crackling grenades!

The crow’s nest a grave in flames!

Black, flapping wings, falling down

What else was floating in blue skies,

What breathed, what was, what was alive …

Shoot them down by the hundreds …

Lacerated, torn, wounded and aching

They’re stretched out on the snow

The victims of these exploits …

What is not yet dead makes one wilder,

Happy hunter’s blow forever silent.

The morning paper brings us the pictures.

It wants to show us quite clearly

The result of the noble hunt …

There is a man in the picture who laughs,

He laughs at all of the distress

He laughs because he likes the fun …

Where are you, creator of this world?

Where are you God?

67

Der Nebel weht wie fließendes Gewand

Über das weite, stille Land.

Die Bäume sind nur blasse Schatten,

Hinsinkend in die grauen Matten.

Im Osten dort das ros’ge Licht

Ist wohl das leuchtende Gesicht

Des Engels, der mit leisen Tritten

Ist durch die Dämmerung geschritten

In seiner Nebelschleier Wallen,

Die von den Silberschultern fallen.

Zur Sonne auf er schwebend steigt,

Die sich aus gold’nem Fenster neigt.

Bald werden ihre warmen Strahlen

Die grauen Schleier leuchtend malen

In bunten Farben tausendfach.

Bald kommt der Tag.

The mist blows like flowing robes

Across the wide, quiet land.

The trees are just pale shadows,

Sinking down on the gray meadows.

In the east the rosy light

Is probably the shining face

Of the angel who softly treads

Through the twilight

In its veil of mist,

That falls from the silver shoulders.

To the sun it rises soaring,

Leaning out of a golden window.

Soon their warm rays will

Paint the gray veils brightly

Thousands of times in bright colors.

The day will come soon.

69

Im off’nen Wagen fahren wir

Dem strahlenden Mai entgegen –

Wie liegt auf uns’ren Wegen

Schon warmer Sonnensegen!

Es spielt in den wehenden Haaren mir

Der Wind, der frühlingsentzückte,

Und Wolken, sonnenbeglückte,

Ziehen dem Tag entgegen,

Wie wir, so ziellos, so frei!

An Straßen, weiten, schwingenden,

Im Lied der Maschine, der singenden,

Jagen die Bäume vorbei,

Die weiten, stillen Wälder,

Die sprossenden, erdbraunen Felder,

Manch’ Garten, tief und verträumt.

Und alles wartet, und alles keimt

In Knospen, heimlich lebenden,

In Blättern, leise bebenden,

Dem Mai entgegen, dem Mai!

Und wir inmitten, wir zwei,

Im blitzenden, sausenden Wagen,

Dem Mai entgegengetragen,

Dem blühenden, strahlenden Mai!

71

I

Narzissus

(Auf ein Bild)

Nicht eines Rehes flücht’ge Spur

Hat er verfolgt. Denn Pfeil und Bogen

Ruh’n wie ein zärtlich’ Lautenspiel

In seiner Hand.

Auch hat ihn nicht der Wald, so still und kühl

In grünes Dämmerlicht gezogen.

Kein Abenteuer lockte ihn, kein Liebesschwur…

Mit schnellem Schritt trieb ihn geheimes Wissen

Zum Brunnen, dort im Schatten –

Nur ihm bekannt…

Wie spiegelklar sind seine glatten

Glasstillen Wasser! Auf des Brunnens Rand

Ist Narziß jählings hingesunken –

In heimlichem Genießen,

Schöheit–trunken

Betrachtet er das Bild

Aufschimmernd aus den Wassern, hold erlesen,

In makelloser Lichtgestalt…

Narziß erbebt.

Bezwingende Gewalt

Treibt ihn zu diesem Spiegelwesen…

Not a deer’s fleeing trail

Has he followed. Still bow and arrow

Rest like a tender lute

In his hands.

The forest also stays so calm and cool

Drawn into green twilight.

No adventure attracted him, no oath of love …

Secret knowledge drove him quickly

To the spring, there in the shade –

Known only to him …

How crystal clear his tranquil 

Water is, as still as glass! On the edge of the spring

If Narcissus suddenly sinks down –

In secret enjoyment

Beauty–drunk

He looks at the image

Shimmering in the water, gracefully discerning,

In flawless light …

Narcissus trembles.

Overwhelming power

Drives him to this mirror’s being …

73

II

Und heiß und wild

Fühlt er sein Blut, das in den Adern loht

Wie Feuer… Und er spricht

Berauscht in tragischer Verwirrung

Zu seinem eig’nen Angesicht:

“Du bist vollendet Schönstes ..

Du bist ich…

O du, der Götter grausam fürchterliche Irrung –

Ich liebe dich…”

Der Wald steht dunkel und in Schweigen.

Der Wind schläft in den stillen Zweigen.

Narzissus weint…

And hot and wild

He feels his blood blazing in his veins

Like fire … And he speaks

Intoxicated in tragic confusion

To his own face:

“You are perfectly the most beautiful ..

You are me…

O you, the gods’ cruel, terrifying fallacy –

I love you…”

The forest stands dark and silent.

The wind sleeps in the silent branches.

Narcissus weeps …

75

Sag’ mir: wofür der Schönheit Glanz,

Wofür der Rausch der Farben?

Wofür der Regenbogentanz

In bunten Strahlengarben?

Die Seelen, die in diesen Wesen leben,

Erscheinen tot mir. Trunkenheit

Kann niemals selig den durchbeben,

Ihn hebend über Raum und Zeit,

Den nur Verstand regiert.

Mir schaudert hier in dieser Eisregion,

In die sich niemals je verirrt

Die süße Torheit: Illusion!

Tell me: why beauty shines,

What is the rush of colors for?

What is the rainbow dance for

In bright beams?

The souls that live in these entities,

Appear dead to me. Drunkenness

Can never tremble tipsily,

Lifting it above space and time,

Only reason rules.

I shudder here in this icy region

In which never, ever strays

The sweet folly: illusion!

77

I

Einsam auf schwarzem Thron saß er,

In dunkler Schönheit: Lucifer,

Der Engel, einst von Gott verstoßen,

Gefallen in die gnadenlosen,

Grundlosen Tiefen seines Hasses.

Sein blasses,

Von schwarzem Haar umrahmtes Angesicht

Strahlte im grünen Licht

Der Augen, die wie träumerisch verschliefen

In samtnen Tiefen

Die Gegenwart.

Zart schwebte wie ein Silberschatten

Erinnerung in matten,

Verweh’nden Spuren um die schwere,

Gesenkte Stirn, wo der hehre

Leuchtende Blick des Herrn im Segen

Einst lag. Doch verwegen

Wollte er herrschen, der doch dienen sollte.

Es grollte

In seiner Stirn der Haß, geboren

Aus glühendem Besiegenwollen …

In dark beauty: Lucifer,

The angel, once cast out by God,

Fallen in the merciless,

Groundless depths of his hatred.

His pale face

Framed by black hair

Shone in the green light

Of the eyes, that slept dreamily

In velvety depths

The present.

Delicately floated like a silver shadow

Memory in matting,

Traces of the heavy,

Lowered forehead where the noble

Shining gaze of the Lord in blessing

Once lay. But daring

His need to rule, who was supposed to serve.

It growled

Hatred born in his forehead

From an ardent desire to conquer …

79

II

Verloren

Im tollen

Wild aufrührerischem Hohne

Streckt’ er die Hände nach der Krone

Des Herrn…Er wollte wagen,

Die Strahlenvolle selbst zu tragen. –

Stürzend jäh aus Paradieses Hallen

Erkannte er im Abwärtsfallen,

Daß für ihn kein Ende sei..

Und sein Racheschrei

Türmte sich zu schwarzen Bogen.

Hingezogen

In die Tiefen baute sich sein Haß

Ein Asyl.

Und Lucifer

Ward Satanas.

Lost

In cavorting

Wildly seditious scorn

He stretches his hands towards the crown

Of the Lord … he would dare

To carry the radiance himself. –

Suddenly falling from the halls of Paradise

He recognized in his fall

That there was no end for him …

And his vengeance

Towered in black arcs.

Attracted

His hatred built itself into the depths

An asylum.

And Lucifer

Became Satan.

81

Vergessen gibt,

Ich glaube, eines Engels Hand.

Denn abgewandt

Sind wir von dem, was einst gewesen.

Genesen von vielen Menschenleben

Müssen, im Aufwärtsstreben,

Auf’s Neu’ und Aberneue wir ersteh’n

Bis wir verwehn

In jenem Morgenrot,

Das golden in mein Fenster loht.

Im Wind ’96 im Meereswogen –

Im Sternenstrahl – im Regenbogen –

In Lächeln Gottes, das du leuchten siehst,

Wenn Abendgold im Meer zerfließt.

Oblivion offers,

I believe, an angel’s hand.

For turned away

Are we not of, what once was?

Recovered from many human lives

Must, in striving upwards,

For the new and the almost new, we rise

Until we are blown away

In that dawn,

The gold blazing in my window.

In the wind – in the ocean waves –

In the star beams – in the rainbow –

In the smile of God that you see shine

When evening gold melts away in the sea.

83

Die Planeten, aus Gluten zerronnen,

Neu in sich selbst geformte Welten –

Sollt’ das nicht gelten

Mehr als ein Buch? Des Menschen Geist

Der immer wieder aufwärts weist

In das so seltsam Unbekannte, will

Nie sagen: nun bin ich am Ziel!

Er forscht und strebt –

Sein Wunsch entschwebt

Dem engen Erdenband.

Doch niemand fand

Die Lösung dieses ewig rätselvollen

Problems. Die Menschen SOLLEN

nicht WISSEN.

Sie sollen träumen, ahnen …

Und so verschließen

Sich Sternenbahnen.

The planets melted from gluten,

Newly formed worlds –

Shouldn’t that apply

More than a book? The spirit of man

That always points upwards

Into the strangely unknown, will

Never say: now I have reached my goal!

He probes and strives –

His wish disappears

The narrow bond of earth.

But nobody found

The solution to this eternally puzzling 

Problem. People SHOULD

do not KNOW.

You should dream, suspect …

And so seal off

Star paths.

85

Nun weitet sich machtvoll dem erstaunten Geist

Was Ewig–Anfanglos und Ewig–Endlos heißt.

Die Erde sinkt,

Ertrinkt

In weißer Wolken wehenden,

Zerfließenden, vergehenden

Schliergebilden.

Die wilden,

Weglosen Riesen

Der Berge,

Die himmelwärts wiesen,

Werden nun Zwerge –

Zerschmiegend in Fläche.

Die Meere, rauschend im Sturm, wogend im Wind,

Sind artige Bäche–

Bis alles zerrinnt.

Now the astonished spirit expands powerfully

Which means Eternal Beginning and Eternal Infinity.

The earth is sinking,

Drowns

In white clouds waving, 

Dissolving, passing away in

Streaked formations.

The wild,

Trackless giants

The mountains,

That pointed skyward,

Are now dwarfs –

Smashed into flat expanse.

The seas, sweeping in the storm, surging in the wind,

Are like brooks–

Until everything fades away.

87

Entgleiten

Will uns das Wissen. Wir müssen

Erlernen,

Auf Sternen

Heimisch zu werden.

Auf Erden

Liegt nur begraben,

Was wir erlebt, erlitten haben.

Es schwindet die Zeit –

Und weit

Öffnen sich schimmernd im Strahlenschein

Die blauen Pforten

Der Ewigkeit.

Slipping away

Wants us to know. We must

Learn,

To become familiar

With the stars.

On earth

Lies just buried,

What we have experienced, suffered.

Time is fading –

And vast

Shimmering in the light of the rays

Open the blue gates

Of eternity.

89

Die Zeit ist nur ein leeres Wort

Dort,

Wo nun deine Heimat ist.

Sieh, du vergißt,

Daß du nun in den Ewigkeiten

Erlernen mußt, daß Zeiten

Hier ohne Maß – ohn’ Anfang und ohn’ Ende sind.

Im Wind

Verweht

Das Weltenall.

Ein Fall

Von Sternen sind stürzende Erden…

Doch neues Werden

Atmet der ewig erzeugende Wille.

Time is just an empty word

There,

Where your home is now.

See you forget,

That you are now in eternity

Must learn, that time

Has no dimension here – without beginning and without end.

Wind

Obliterates

The universe.

A case

Of falling earths made of stars …

But new becoming

Breathes the eternally generating will.

91

Du kannst gewiß sein: in den Händen

Des ewig rächenden Geschicks

Wird dir einmal das Maß des Glücks

Und ebenso das Maß der Qual

Gerecht gewägt. “Es war einmal”

Ist nur ein irdisches, gedankenleeres,

Verspieltes Wort.

Denn alles, was gewesen,

Lebt fort,

Und Schweres

Wird tausendmal erschwert gemessen.

Kein Lachen, keine Träne ist vergessen.

You can be certain: in your hands

The eternal avenging fate

Will measure happiness one day

And so is the degree of agony

Fairly weighed. “There was once”

Is just an earthly, thoughtless,

Playful thought.

Because everything that has been

Lives on

And heavy things

Are measured a thousand times more difficult.

No laughter, no tear is forgotten.

93

AN FRITZI

Wie ungewiß auch deiner Ahnen Reihe

Dein nobles Herz gab dir die Weihe

Aristokratischen Geblüt’s.

Du warst ein Kämpfer – feurigen Gemüts –

Ein Abenteurer und ein Vagabund.

Du liebtet es aus tiefer Ende Grund

Geheimnisvollen Gängen nachzuspüren –

Versteckten, tagesscheuen Tieren –

Und wenn du heimkamst, hast du mitgebracht

Den Staub von mancher wilden Jagd…

Du bist nie eine Zier gewesen

Für den Salon… Nein, auserlesen

Warst du von Wolken und von Wind –

Der herrlichen Natur geliebtes, ungezähmtes Kind.

Der vielen Jahre Mühen und Beschwerden

Konnten den Körper wohl in Fesseln schlagen–

Doch nie das wilde Blut. So wie in Jugendtagen

Erhob sich grollend Kampfeslust in dir –

Und aufgerichtet, königliches Tier

Vernahmst du ferne Jagdfanfaren

So wie in schönen, jungen Jahren…

Ruh aus nun! Sonnenschein und Regen

Sind über dir im Abendsegen.

Und nächtens singt der Wind mit dunklem Mund

Dein Schlummerlied. Schlaf wohl, mein treuer Hund.

95

In flüchtigem Begeg’nen hab’ ich dich gesehen –

Auf einem Bahnhof– kalt – im Morgenlicht…

Wie eine Woge schäumend über Felsen bricht,

Stürzte Erinnerung in jähen,

Besiegenden Gewalten auf mich nieder

Und brachte alte Zeiten wieder…

Ist doch die Jugend mir entschwunden,

Als meinem Leben du abhanden kamst!

Mir ist, als ob du mit dir nahmst

Die frohe Torheit jener Stunden,

In denen Glück ein Abenteuer

Und Sonnenlicht uns schien wie Feuer…

Du kannst mein Wesen nicht erkennen

In einem Augenblick. Du suchst die Spur

Derselben Freundin, die du liebtest, nur –

Und weißt nicht, daß mich Welten trennen

Von jener, die du einst gekannt.

Wie habe ich mich weggewandt

Und bin neue Welten eingegangen!

Mein Leben kam zur Ruh’, mein Blut will schlafen,

Ich bin im Frieden, bin im Hafen…

Die Wildheit tief verstummt, gestillt das

     Lustverlangen,

Blicke ich lächelnd über’s weite Meer:

Mein Schiff will keinen Kampf und keine

     Stürme mehr…

In a fleeting encounter I saw you –

At a train station – cold – in the morning light …

Like a foaming wave breaks over rocks,

Memory suddenly plunged

Conquering forces down on me

And brought back old times …

Really, youth has vanished from me

When you lost my life!

I feel like you’re taking with you

The joyful folly of those hours

Where happiness is an adventure

And sunlight seemed like fire to us …

You cannot recognize my being

In a moment. You are looking for the trace

The same friend you loved, only—

And do not know that worlds separate me

From those you once knew.

How did I turn away

And enter into new worlds!

My life came to rest, my blood wants to sleep,

I’m at peace, I’m in port …

The wildness falls silent, it quiets

      Desire for pleasure,

I look out over the sea with a smile:

My ship doesn’t want to fight and no

      More Storms…

97

Gewiß: es ist das Wunder der Chemie

Das mir ein neues Leben in die Adern goß…

Mein Blut, das trüb und träge floß,

Pulst in erhöhtem Rhythmus, wie

In alten, halb vergess’nen Zeiten.

Es öffnen sich auf’s Neu’ die Weiten

Der trügerischen Fantasie –

Und aus dem kahlen Baum

Grünt neuer Sproß.

Doch mein Verstand, der nicht entzündet

Von sinnlos süßem, spielerischen Traum,

Sagt lächelnd: “Unbegründet

Ist dein Entzücken über die

Gewiß charmante Wandlung der Gefühle…

Vergiß nicht: diese deplacierte Schwüle

Ist nur Chemie!

Verzeih’ den Spott–

Jedoch du mußt verstanden haben,

Warum du einen jungen Gott

Nun siehst in diesem kaum passablen Knaben…”

99

Erlosch’ner Sterne Glanz

Leuchtet aus alten Namen,

Die ich in lang vergessenen Programmen fand.

Echo aus erdenfernem Land,

Wohin wir gehen und von wo wir kamen …

Ein welker Lorbeerkranz,

Ein wehes Klangverwehen,

Ist alles, was geblieben

Von Gut und Haß und Lieben,

Von Ruhm und Sichverschwenden …

Es mußt’ in Asche enden,

Nur überlebt von den vergilbten Fetzen,

Die meine Tränen nun benetzen …

Certainly: it is the miracle of chemistry

That poured a new life into my veins …

My blood, which flowed dull and sluggishly,

Pulses with increased rhythm, like

In former, half–forgotten times.

The vastness opens up all over again

The deceptive imagination –

And from the bare tree

Grows new sprouts.

Yet my mind that does not ignite

Senselessly sweet, playful dreams,

Saying with a smile: “Unfounded

Is your delight in them

Certainly a charming change of feelings …

Don’t forget: this inappropriate sultriness

Is just chemistry!

Forgive the ridicule

But you must have understood

Why you, a young god

Now seen as this barely presentable boy … “

101

Seltsam beglückend ist’s, zu denken

Daß es durch Wunderkraft gelingt,

Millionen singend mich zu schenken,

Zu denen meine Stimme dringt.

Dem Vogel gleich, auf schnellen Schwingen

Entschwebe ich der engen Welt –

Und weit von hier lauscht meinem Singen

Ein jeder, dem es wohl gefällt.

Es weitet sich der Saal, in dem ich stehe,

Zu grenzenlosem Himmelsraum –

Und jede Ferne wird zur Nähe –

Und Wirklichkeit ein alter Traum.

103

Die Melodie der lauten Nächte,

Lockt dich auf’s Neu’ in diese Stadt…

Du trinkst an ihrer Lust dich satt,

Genießest deiner Jugend freie Rechte.

Du bist des Augenblickes will’ge Beute,

Und dein Erleben ist der Sinne Spiel.

Du nimmst, was dir gefällt, und fragst nicht viel

Vom Morgen, lebst allein dem Heute

Des schnell vergess’nen Abenteuers…

Ich seh’ dich an – und fühle mich so kalt…

In meinem Herzen, tot und kalt.

Verweht die Asche eines letzten Feuers…

The melody of the noisy nights,

Lures you again to this city …

You drink your fill of its pleasures,

Enjoy your youth’s free rights.

You are the prey of the moment,

And your experience is the game of the senses.

You take what you like and don’t ask a lot

Of tomorrow, living alone for today

Of the quickly forgotten adventure …

I look at you – and I feel so cold …

In my heart, dead and cold

The ashes of a last fire are blown away …

105

Was für ein tragisches Gesicht!

Die Augen weinen Einsamkeiten,

Und dieser Mund sagt ohne Laut

Was tief in ihr verborgen spricht

Von sonnenüberstrahlten Weiten,

Indes sie frierend in das Dunkel schaut…

Sie schuf die schönen Frauenbilder,

Malte in Farbenleuchten Wesen, Atmen, Leben…

Und edle Tiere, deren wilder

Und ungezähmter Kraft sie Zügel schuf,

So daß in zitterndem Erbeben

Sie folgen ihres Willens Ruf. –

Sie aber ist so ganz allein

Inmitten dieser stummen Kreaturen.

Die Nacht ist nah im letzten Abendschein –

Das Meer rauscht ferne – und die Uhren

Der Zeit steh’n still und haben nichts zu sagen.

Von heute nichts und nichts von morgen –

Und nichts von neuen Tagen.

What a tragic face!

The eyes weep for loneliness,

And this mouth says without a sound

That which speaks hidden deep within her

From sun–drenched expanses,

While she looks freezing into the dark …

She created the beautiful images of women,

Painted as beings, breathing, life in colored lights …

And noble animals, those wilder ones

And she created reins of untamed strength,

So that in trembling earthquakes

They obey her will. –

But she is so completely alone

In the midst of these mute creatures.

The night is near its last evening glow –

The sea murmers in the distance – and the clocks

Time stands still and has nothing to say.

Nothing of today and nothing of tomorrow –

And nothing of the new days.

107

EINEM JUNGEN MÄDCHEN

Die Reue wartet irgendwo am Straßenrand

Und streckt die kalte Hand

Dir schon entgegen. Doch du siehst sie nicht.

Dein Angesicht

Ist unbeschwert …

Wie mich der Neid verzehrt

Daß du mich Kluge nicht verstehst

Und daß du töricht in dein Unglück gehst!

TO A YOUNG GIRL

Regret waits somewhere along the side of the road

And stretches out a cold hand

Towards you already. But you don’t see it.

Your countenance

Is carefree …

How envy consumes me

When you don’t understand me, Clever One

And that you go foolishly into your misery!

109

Wie seltsam wir das Bild der Ahnen tragen!

Es sehen mich aus meinem Spiegelbild

Die Mutteraugen, die in fernen Tagen

Das Laben mir mit Licht erfüllt,

Oft sinnend an.

Und dann und wann

Hör’ ich mein Lachen, so wie Vater lachte,

Wenn seine Sorge rasch zerrann,

Die wohl die Nacht ihm schlaflos machte.

Und jüngst dem Wellenspiel des Ozeans entstiegen,

Sah ich vor mir im weißen Sand

Dem Schatten langgestreckt und dunkel liegen,

Den Schatten einer Frau, die ich als Kind gekannt:

Die Mutter meines Vaters warf in meinem Schatten

Sich schwarz in meinen weißen Weg,

Und die Vergessene lag da, ein Steg

Der aus den Wellen hinführt in die glatten

Schützenden Mauern, wo die Herde freundlich

     wärmend brennen…

Ich aber zitterte in staunendem Erkennen.

111

Ich stehe an des Abends Schwelle.

Wie einen Mantel, sanft und schön,

Fühle ich seine zarten Schatten

Sich lind um meine wegematten,

Tagmüden Glieder legen –

Um meine Stirne aber

Leuchtet noch der Sonne Helle.

Der Tag, der glühend auf den Wegen

Den tollen Reigen tanzte, sinkt ermüdet

In tief’res Blau, und hold befriedet

Ruh’n meine Hände

Und warten

Auf des Tages Wende.

I stand at the threshold of the evening.

Like a cloak, gentle and beautiful,

I feel its delicate shadow

Lean around my path mats,

To lay day–weary limbs –

Around my forehead, really

The sun still shines brightly.

The day glowing on the paths

The great round has danced, sinks tired

In deep blue, and gently pacified

Lets my hands rest

And wait

Until the return of the day.

113

Fallender Sterne jäh versprühende,

Sausende Pfeile! Wieviel glühende

Brennende Wünsche hatt’ ich zu sagen

Einst in versunk’nen, jungen Tagen!

Aberglaubend hold befangen

Rief ich sehnendes Verlangen

Euren Flammenbahnen zu.

Nun hat sich die schöne Ruh’

Über mich so lind ergossen,

Und mein Herz ist kühl umflossen

Wie von weißem Mondenschein

In wunderbarem Stillesein.

Falling stars suddenly spraying,

Buzzing arrows! How much glowing

Burning wishes I had to say

Once in sunken, young days!

Superstitiously shy

I cried longingly awkward

Toward your flame.

Now the beautiful calm

Poured over me so gently

And cooly flows around my heart

Like white moonlight

In wonderful silence.

115

Der Sturm, in jähem Sausen,

Hat sich herabgeschwungen,

Ist in der Brandung Brausen

Lachend an’s Land gesprungen.

Er hat die ganze Nacht

Sein tolles Lied gesungen…

Aus frommem Traum erwacht,

Hab ich dem wilden Jungen

Gelauscht, von Lust durchglüht.

Am Morgen war alles verklungen

Der Sturm – der Knabe – das Lied.

The storm, with a sudden rush,

Has swung down,

Is roaring in the surf

Jumping ashore laughing.

He has all night

To sing his great song …

Awakened from a pious dream,

I listened to the wild youngster

Glowing with pleasure.

In the morning everything had faded away

The storm – the boy – the song.

117

Der Mutter Stimme dunkles Gold

Klinkt mir aus fernen Kindertagen.

Sie konnte singend Schönstes sagen

Und unbewußt und ungewollt

Uns aus des Alltags Dämmer tragen.

Der Mutter Stimme stückzerbroch’nes Glas –

So hörte ich die Greisin singen–

Ein zitternd’ Suchen nach verstummtem Klingen,

Und sah die Augen, tränennaß.

Die eig’ne Stimme, glutdurchbrannt,

Klingt mir as langen Lebensjahren

Von bunten Ufern, wunderbaren,

Fern meinem weißen, stillen Strand.

Die eig’ne Stimme, stückzerbroch’nes Glas –

Läßt mich der Mutter Traurigkeit ermessen:

Aus ihren Tränen, unvergessen,

Steigt in die Augen mir das heiße Naß

Um jenen Schatz, den sie und ich besessen.

119

Und Sterne sinken, flammend im Verweh’n,

Ihn’s blaue, tief verströmte Schweigen.

In ihrer Spur, in ew’gem Reigen,

Die neuen strahlend aufersteh’n.

Und Menschen zeigen

Zum Himmel auf, jählings entbrannt

In neuem, süßesten Erkennen…

Gesegnet, die so leicht entbrennen!

Gesegnet der, dem Gestern abgewandt,

Dem Heute glückbereit entgegenzittert,

In der Fallende zersplittert

In unabwendbarem Entgleiten

An dem Gesetz der Ewigkeiten.

And stars sink, carried away in the wind,

Into its blue, deeply emanated silence.

In their traces, in eternal dance,

The new ones resurrected radiantly.

And show people

Heavenward, suddenly flaring up

In a new, sweet identity …

Blessed are they who so easily flame!

Blessed is he who turned away from yesterday

Trembling happily towards today,

In the splintered falling

In the inevitable slipping away

By the law of eternity.

121

In alten Partituren hab’ ich heut’ gelesen– 

Und das Vergang’ne stürzte jäh mir in das Heut’… 

O bunte Schönheit, die einst mein gewesen… 

O lebensschicksalhaft erneut 

In fliehender, der Welt entrückter Zeit!

Die Wonne des Verwandelns–wer kann sie ermessen, 

Der nur EIN Leben lebt, begrenzt durch Wirklichkeit? 

Der niemals kennt das süße Selbstvergessen, 

Dies Sichverschwenden an die Zeit, 

In der das Ich sich löst im Singen, 

Liebend und leidend–schwebend wie auf Schwingen 

In fremdem, seltsam eigenem Geschick– 

Schwebend auf Schwingen der Musik!

• Poems from the 1969 Gedichte without translations and incomplete.

I

O du phantastisch schöne Nacht!

Des Mondes breite Silberbahn

Schien Weg und Ziel…

Und unser Schiff ein stiller Schwan,

Durch schwarze Seide hingetragen …

Weiß, leuchtend, kühl

In tiefer Himmelsferne

Das Silberlicht

Der Sterne…

Ich lag am Deck, und mein Gesicht

War reglos aufgeschlagen …

Würden in sausendem Gleiten

Funken fallen ins Dunkel hinein?

Wie wollt’ ich meine Hände breiten,

Ganz ohne Staunen:

Dies ist die Stunde, da Feen schreiten

Und Märchen raunen…

Ein Märchen scheint es, daß wir gleiten

Zwischen den Welten und Ozeanen…

Vielleicht war alles ein Traum:

Brausender Flug in endlosen Bahnen

Über die purpurglühende Wüste –

Um uns Wolken, wie Schnee und Schaum –

Colombo’s bunte, schimmernde Küste –

Der Buddhapriester im Goldgewand –

Und nackte Menschen auf heißen Feldern –

II

Ach, und der süße, berauschende Duft,

Der über den Dörfern lag –

Schwer von Blüten die schwüle Luft,

Von Cocosöl und betäubendem Tee-

Und die weiße, strahlend helle Moschee –

Ferne in den australischen Wäldern

An einem hellen Sonnentag

Der seltsame Vogel, tanzend und singend –

Tasmania’s tief schimmernde Goldzypressen-

Schmetterlinge, um Blumen schwingend

Mit leuchtenden Flügeln –

Der rosige Schein auf jenen Hügeln –

Und diese Weiten, unermessen,

Durch die wir schweben

Heimatentgegen in weißem Licht –

War es ein Traum? War es Erleben?

Ich weiß es nicht…

Wir fahren uns’re regennasse Straße

Auf die das Silberlicht ein mattes Schimmern haucht.

Die Ferne ist verlöscht. Das blasse,

Unheimliche Gebild’, das aus dem Nebel taucht,

Formt sich zum Baum. Und hier, gewoben

Aus grauem Florgespinst, ein schlicht

Und friedvoll’ Haus, emporgehoben

Gespensterhaft, so wie ein drohend’ Nachtgesicht.

Durch Regen fahrend, grüßt mein Herz die Ferne,

Wo über Wolken wir gelebt –

Da wo aus tiefem Glanz der Sterne

Die ew’ge Sonne strahlend sich erhebt…

Wie lieb’ ich diese klare Stunde,

Die zwischen Tag und Abend liegt,

In der die Berge in den Horizont gefügt

Sind wie geschliff’ne, gläserne Paläste.

Und um die zarten Silberäste

Der jungen Bäume schimmert Sonnenlicht,

Das goldverblassend dort vergeht,

Wo erster violetter Schatten weht.

Wie lieb’ ich dieser Stunde reine Helle,

Die zwischen Tag und Abend steht!

Kristall’nes Tor, leuchtende Schwelle,

Die sanft den Tagesmüden führen will

Hin in den Abend, tief und sternenstill!

Und immer wieder holdestes Erstaunen

Wenn ich, des Nachts aufblickend,

Im sanften Blau die Sterne seh’…

Im Tal des Windes Raunen,

Der wundersam erquickend,

Hier auf des Berges Höh’

Mit weiten, kühlen Schwingen

Um meine Stirne streicht…

Es ist so still, die Erde schweigt,

Nur Grillen singen.

Jedoch ihr Lied klingt mir aus Fernen,

Denen ich längst entwich.

Ich träume, daß ich lang’ verblich

Und schwebe zwischen Sternen…

Nach stürmischem Gewitterregen,

Jäh’ zerreißend

Erstickender Betäubung dumpfe Schwüle,

Die lähmend auf dem Lande lag,

Strahlt heut’ ein lichter Sonnentag.

Doch in der Luft steht noch des Sturmes Kühle.

Die gold’nen Strahlen liegen gleißend

Auf regennassen Wegen,

Und über Wald und Wiesen flammt ein neuer,

Smaragd’ner Schein wie zarte Flammengarben:

Der Frühling kam im Sturm und brennt in tausend Farben

Sein grünes, buntes Freudenfeuer.

Wir sind der Wolken Schwestern,

Schwebend in blauem Geleucht’…

Den Kopf hintüber gebeugt

Lieg’ ich im offenen Wagen,

Sausend, fliegend getragen,

Entgegen dem Morgen, entfliehend dem Gestern…

Wir sind wie Vögel, die heiter

Fiegen von Ziel zu Ziel.

Wir lieben des Windes Spiel

Um sonneglühende Wangen

Und haben nur ein Verlangen:

Weiter!

So wie in tanzendem Reigen

Ziehn jagende Bilder vorbei.

In buntem Wechsel und ewig neu

Gibt uns der Tag mit gütigen Händen

In überströmendem Verschwenden

Die ganze Welt zu eigen…

Die Sonne malt mit königlicher Geste

Die Bauernhäuser, daß wie strahlende Paläste

Sie sich erheben aus dem blauen Horizont.

Die Dächer schimmern silberfarben,

Und Fenster blitzen Diamantengarben,

Das gelbe Stroh liegt, golden übersonnt,

An feurig purpurglüh’nden Ställen,

Vor deren Stufen samt’ne Tücher schwellen

Aus sanftem Wiesengrün hin in die braune Glut

Der Erde, warm und tief und gut.

Die Berge steh’n wie blaue Schatten

Am Horizont – fern, schemenhaft und zart.

Die Wüste schweigt, heiß und erstarrt.

In violetten Tönen, feinen, matten,

Sind Blumenteppiche in’s Weiß gemalt…

Zerriss’ne Dornenbüsche haben Blütendecken,

Und die gespenstischen Kakteen,

Die ihre Stachelarme aufwärts recken,

Von Sonne glühend überstrahlt,

Blitzen mit scharfen, glatten,

Silbernen Pfeilen, nadelhart.

Es ist so still, nichts regt sich weit und breit,

Die Erde ist so fern, so tief versunken,

Und weltverloren, sonnetrunken,

Bin ich allein in diamant’ner Ewigkeit.

Mißtönend schrillt es durch der Straßen Melodie,

Die uns so leicht und froh umklingt

Und hell aus hundert Kehlen singt-

Wie dunkles Blut tropft es auf der Palette

Heiter erglüh’ndes Farbenspiel:

Zu düstrem, grauenhaften Ziel

Schwankt eine Kette

Belad’ner Wagen … Tiertransport…

Aus eines Hofes sich’rem Port,

Aus grüner Wiesen duftendem Gelände,

Treibt man, in Wagen hoch beladen,

Sie einem martervollen, dunklen Ende

Entgegen, und der Weg ist ohne Gnaden …

Das ist der Welt unfaßbarer, brutaler Lauf:

Der Starke frießt den Schwachen auf

In gier’gem Tötenwollen, immer ungestillt…

Indes Natur, in königlichem Walten,

Das Grauen dieser Erde in die Falten

Des Sternenmantels ew’ger Schönheit hüllt…

III

Leis’ rührte die Erinnerung

Sie an. Sie waren wieder jung

In ihren wandernden Gedanken…

Ein Frühlingsabend… Und die schlanken

Kosenden Finger im offenen Haar…

Ein heißer Mund… Und wie süß das war,

Der jungen Schultern schöner Bogen

In ihrer Hand… Und in starke Arme gezogen…

Ach so jung, ach so dumm…

Die Drei sind ganz stumm.

Dann ist der Zauber gebrochen,

Und es wird vernünftig gesprochen,

Nicht mehr von damals,

Nein, von morgen, von heut’…

Und die Uhr

Tickt eilig die Zeit…

Wie blaue Dome ragen Berge

In Nebelfernen himmelan.

Verdorrt liegt weit im Abendglühn

Prärie. Nur dann und wann

Ein spärlich Fleckchen Grün.

Steine… Geröll… Kakteen

Wie seltsam mißgestaltet’ stachelige Zwerge…

Wo sich Prärie in Wüstenland verliert

Und jählings stürzend, abwärtsführt

Streckt sich des mächt’gen Colorado

Trockener Stromeslauf.

Staub wirbelt auf…

Im Abendlicht

Naht sich gedrängt die Herde

Der frommen Schafe.

Auf sonndurchglühter Erde

Flockigen Gewölkes dicht

Und weißgeballtes Staubgewirr…

Der junge Hirte in armsel’gem Kleid

Führt Weib und Kind auf seinem Eseltier

Durch tiefe Einsamkeit.

Ein stiller Friede liegt

Auf diesem Bild,

Wie aus dem heil’gen Buch geschnitten …

So kamen sie geritten:

Auf einem Esel, durch die wild

Und einsam unwirtlichen Weiten.

Siehe: Maria wiegt ihr Kind…

Und in des Hirten Schreiten

Klingt der Choral der Ewigkeiten.

Hei, welch’ ein lust’ges Abenteuer!

Das nenn’ ih eine tolle Jagd!

Wie haben sie das Land geplagt,

Der gier’gen Krähen freche Scharen

Die eine böse Plage waren –

So hat der Magistrat gesagt…

Nun aber ist befohlen worden,

Die kecken Räuber zu ermorden.

Hei welch’ ein wunderbares Feuer

Zucht aus zerkrachenden Granaten!

Der Krähenhorst ein Flammengrab!

Schwarz, flügelschlagend, stürzt herab

Was sonst in blauen Lüften schwebte,

Was atmete, was war, was lebte…

Zu Hundert’ schießen sie sie ab…

Zerfetzt, zerrissen, wund und weh

Liegen sie ausgestreckt im Schnee,

Die Opfer dieser Heldentaten…

Was noch nicht tot ist, macht ein wilder,

Jeffrober Hieb auf immer schweigen.

Die Morgenzeitung bringt die Bilder.

Se will uns recht anschaulich zeigen

Das Resultat der edlen Jagd…

Ein Mann ist da im Bild, der lacht,

Er lacht zu all’ der Todesnot-

Er lacht, weil ihm der Spaß gefällt…

Wo bist du, Schöpfer dieser Welt?

We bist du, Gott?

Der Nebel weht wie fließendes Gewand

Über das weite, stille Land.

Die Bäume sind nur blasse Schatten,

Hinsinkend in die grauen Matten.

Im Osten dort das ros’ge Licht

Ist wohl das leuchtende Gesicht

Des Engels, der mit leisen Tritten

Ist durch die Dämmerung geschritten

In seiner Nebelschleier Wallen,

Die von den Silberschultern fallen.

Zur Sonne auf er schwebend steigt,

Die sich aus gold’nem Fenster neigt.

Bald werden ihre warmen Strahlen

Die grauen Schleier leuchtend malen

In bunten Farben tausendfach.

Bald kommt der Tag.

Im off’nen Wagen fahren wir

Dem strahlenden Mai entgegen –

Wie liegt auf uns’ren Wegen

Schon warmer Sonnensegen!

Es spielt in den wehenden Haaren mir

Der Wind, der frühlingsentzückte,

Und Wolken, sonnenbeglückte,

Ziehen dem Tag entgegen,

Wie wir, so ziellos, so frei!

An Straßen, weiten, schwingenden,

Im Lied der Maschine, der singenden,

Jagen die Bäume vorbei,

Die weiten, stillen Wälder,

Die sprossenden, erdbraunen Felder,

Manch’ Garten, tief und verträumt.

Und alles wartet, und alles keimt

In Knospen, heimlich lebenden,

In Blättern, leise bebenden,

Dem Mai entgegen, dem Mai!

Und wir inmitten, wir zwei,

Im blitzenden, sausenden Wagen,

Dem Mai entgegengetragen,

Dem blühenden, strahlenden Mai!

I

Narzissus

(Auf ein Bild)

Nicht eines Rehes flücht’ge Spur

Hat er verfolgt. Denn Pfeil und Bogen

Ruh’n wie ein zärtlich’ Lautenspiel

In seiner Hand.

Auch hat ihn nicht der Wald, so still und kühl

In grünes Dämmerlicht gezogen.

Kein Abenteuer lockte ihn, kein Liebesschwur…

Mit schnellem Schritt trieb ihn geheimes Wissen

Zum Brunnen, dort im Schatten –

Nur ihm bekannt …

Wie spiegelklar sind seine glatten

Glasstillen Wasser! Auf des Brunnens Rand

Ist Narziß jählings hingesunken –

In heimlichem Genießen,

Schönheit-trunken

Betrachtet er das Bild

Aufschimmernd aus den Wassern, hold erlesen,

In makelloser Lichtgestalt…

Narziß erbebt.

Bezwingende Gewalt

Treibt ihn zu diesem Spiegelwesen –

II

Und heiß und wild

Fühlt er sein Blut, das in den Adern loht

Wie Feuer… Und er spricht

Berauscht in tragischer Verwirrung

Zu seinem eig’nen Angesicht:

“Du bist vollendet Schönstes ..

Du bist ich…

O du, der Götter grausam fürchterliche Irrung –

Ich liebe dich…”

Der Wald steht dunkel und in Schweigen.

Der Wind schläft in den stillen Zweigen.

Narzissus weint…

Sag’ mir: wofür der Schönheit Glanz,

Wofür der Rausch der Farben?

Wofür der Regenbogentanz

In bunten Strahlengarben?

Die Seelen, die in diesen Wesen leben,

Erscheinen tot mir. Trunkenheit

Kann niemals selig den durchbeben,

Ihn hebend über Raum und Zeit,

Den nur Verstand regiert.

Mir schaudert hier in dieser Eisregion,

In die sich niemals je verirrt

Die süße Torheit: Illusion!

I

Einsam auf schwarzem Thron saß er,

In dunkler Schönheit: Lucifer,

Der Engel, einst von Gott verstoßen,

Gefallen in die gnadenlosen,

Grundlosen Tiefen seines Hasses.

Sein blasses,

Von schwarzem Haar umrahmtes Angesicht

Strahlte im grünen Licht

Der Augen, die wie träumerisch verschliefen

In samtnen Tiefen

Die Gegenwart.

Zart schwebte wie ein Silberschatten

Erinnerung in matten,

Verweh’nden Spuren um die schwere,

Gesenkte Stirn, wo der hehre

Leuchtende Blick des Herrn im Segen

Einst lag. Doch verwegen

Wollte er herrschen, der doch dienen sollte.

Es grollte

In seiner Stirn der Haß, geboren

Aus glühendem Besiegenwollen …

II

Verloren

Im tollen

Wild aufrührerischem Hohne

Streckt’ er die Hände nach der Krone

Des Herrn…Er wollte wagen,

Die Strahlenvolle selbst zu tragen. –

Stürzend jäh aus Paradieses Hallen

Erkannte er im Abwärtsfallen,

Daß für ihn kein Ende sei..

Und sein Racheschrei

Türmte sich zu schwarzen Bogen.

Hingezogen

In die Tiefen baute sich sein Haß

Ein Asyl.

Und Lucifer

Ward Satanas.

Vergessen gibt,

Ich glaube, eines Engels Hand.

Denn abgewandt

Sind wir von dem, was einst gewesen.

Genesen von vielen Menschenleben

Müssen, im Aufwärtsstreben,

Auf’s Neu’ und Aberneue wir ersteh’n

Bis wir verwehn

In jenem Morgenrot,

Das golden in mein Fenster loht.

Im Wind – im Meereswogen –

Im Sternenstrahl – im Regenbogen –

In Lächeln Gottes, das du leuchten siehst,

Wenn Abendgold im Meer zerfließt.

Die Planeten, aus Gluten zerronnen,

Neu in sich selbst geformte Welten –

Sollt’ das nicht gelten

Mehr als ein Buch? Des Menschen Geist

Der immer wieder aufwärts weist

In das so seltsam Unbekannte, will

Nie sagen: nun bin ich am Ziel!

Er forscht und strebt –

Sein Wunsch entschwebt

Dem engen Erdenband.

Doch niemand fand

Die Lösung dieses ewig rätselvollen

Problems. Die Menschen SOLLEN

nicht WISSEN.

Sie sollen träumen, ahnen …

Und so verschließen

Sich Sternenbahnen.

Nun weitet sich machtvoll dem erstaunten Geist

Was Ewig-Anfanglos und Ewig-Endlos heißt.

Die Erde sinkt,

Ertrinkt

In weißer Wolken wehenden,

Zerfließenden, vergehenden

Schliergebilden.

Die wilden,

Weglosen Riesen

Der Berge,

Die himmelwärts wiesen,

Werden nun Zwerge –

Zerschmiegend in Fläche.

Die Meere, rauschend im Sturm, wogend im Wind,

Sad artige Bäche-

Bis alles zerrinnt.

Entgleiten

Will uns das Wissen. Wir müssen

Erlernen,

Auf Sternen

Heimisch zu werden.

Auf Erden

Liegt nur begraben,

Was wir erlebt, erlitten haben.

Es schwindet die Zeit –

Und weit

Öffnen sich schimmernd im Strahlenschein

Die blauen Pforten

Der Ewigkeit.

Die Zeit ist nur ein leeres Wort

Dort,

Wo nun deine Heimat ist.

Sieh, du vergißt,

Daß du nun in den Ewigkeiten

Erlernen mußt, daß Zeiten

Hier ohne Maß – ohn’ Anfang und ohn’ Ende sind.

Im Wind

Verweht

Das Weltenall.

Ein Fall

Von Sternen sind stürzende Erden…

Doh neues Werden

Atmet der ewig erzeugende Wille.

Du kannst gewiß sein: in den Händen

Des ewig rächenden Geschicks

Wird dir einmal das Maß des Glücks

Und ebenso das Maß der Qual

Gerecht gewägt. “Es war einmal”

Ist nur ein irdisches, gedankenleeres,

Verspieltes Wort.

Denn alles, was gewesen,

Lebt fort,

Und Schweres

Wird tausendmal erschwert gemessen.

Kein Lachen, keine Träne ist vergessen.

AN FRITZI

Wie ungewiß auch deiner Ahnen Reihe

Dein nobles Herz gab dir die Weihe

Aristokratischen Geblüt’s.

Du warst ein Kämpfer – feurigen Gemüts –

Ein Abenteurer und ein Vagabund.

Du liebtet es aus tiefer Ende Grund

Geheimnisvollen Gängen nachzuspüren –

Versteckten, tagesscheuen Tieren –

Und wenn du heimkamst, hast du mitgebracht

Den Staub von mancher wilden Jagd…

Du bist nie eine Zier gewesen

Für den Salon… Nein, auserlesen

Warst du von Wolken und von Wind –

Der herrlichen Natur geliebtes, ungezähmtes Kind.

Der vielen Jahre Mühen und Beschwerden

Konnten den Körper wohl in Fesseln schlagen-

Doch nie das wilde Blut. So wie in Jugendtagen

Erhob sich grollend Kampfeslust in dir –

Und aufgerichtet, königliches Tier

Vernahmst du ferne Jagdfanfaren

So wie in schönen, jungen Jahren…

Ruh aus nun! Sonnenschein und Regen

Sind über dir im Abendsegen.

Und nächtens singt der Wind mit dunklem Mund

Dein Schlummerlied. Schlaf wohl, mein treuer Hund.

In flüchtigem Begeg’nen hab’ ich dich gesehen –

Auf einem Bahnhof- kalt – im Morgenlicht…

Wie eine Woge schäumend über Felsen bricht,

Stürzte Erinnerung in jähen,

Besiegenden Gewalten auf mich nieder

Und brachte alte Zeiten wieder…

Ist doch die Jugend mir entschwunden,

Als meinem Leben du abhanden kamst!

Mir ist, als ob du mit dir nahmst

Die frohe Torheit jener Stunden,

In denen Glück ein Abenteuer

Und Sonnenlicht uns schien wie Feuer…

Du kannst mein Wesen nicht erkennen

In einem Augenblick. Du suchst die Spur

Derselben Freundin, die du liebtest, nur –

Und weißt nicht, daß mich Welten trennen

Von jener, die du einst gekannt.

Wie habe ich mich weggewandt

Und bin neue Welten eingegangen!

Mein Leben kam zur Ruh’, mein Blut will schlafen,

Ich bin im Frieden, bin im Hafen…

Die Wildheit tief verstummt, gestillt das

     Lustverlangen,

Blicke ich lächelnd über’s weite Meer:

Mein Schiff will keinen Kampf und keine

     Stürme mehr…

Gewiß: es ist das Wunder der Chemie
Das mir ein neues Leben in die Adern goß…
Mein Blut, das trüb und träge floß,
Pulst in erhöhtem Rhythmus, wie
In alten, halb vergess’nen Zeiten.
Es öffnen sich auf’s Neu’ die Weiten
Der trügerischen Fantasie –
Und aus dem kahlen Baum
Grünt neuer Sproß.

Doch mein Verstand, der nicht entzündet
Von sinnlos süßem, spielerischen Traum,
Sagt lächelnd: “Unbegründet
Ist dein Entzücken über die
Gewiß charmante Wandlung der Gefühle…
Vergiß nicht: diese deplacierte Schwüle
Ist nur Chemie!
Verzeih’ den Spott–
Jedoch du mußt verstanden haben,
Warum du einen jungen Gott
Nun siehst in diesem kaum passablen Knaben…”

Erlosch’ner Sterne Glanz

Leuchtet aus alten Namen,

Die ich in lang vergessenen Programmen fand.

Echo aus erdenfernem Land,

Wohin wir gehen und von wo wir kamen …

Ein welker Lorbeerkranz,

Ein wehes Klangverwehen,

Ist alles, was geblieben

Von Got und Haß und Lieben,

Von Ruhm und Sichverschwenden …

Es mußt’ in Asche enden,

Nur überlebt von den vergilbten Fetzen,

Die meine Tränen nun benetzen …

Seltsam beglückend ist’s, zu denken
Daß es durch Wunderkraft gelingt,
Millionen singend mich zu schenken,
Zu denen meine Stimme dringt.

Dem Vogel gleich, auf schnellen Schwingen
Entschwebe ich der engen Welt –
Und weit von hier lauscht meinem Singen
En jeder, dem es wohl gefällt.

Es weitet sich der Saal, in dem ich stehe,
Zu grenzenlosem Himmelsraum –
Und jede Ferne wird zur Nähe –
Und Wirklichkeit ein alter Traum.

Die Melodie der lauten Nächte,

Lockt dich auf’s Neu’ in diese Stadt…

Du trinkst an ihrer Lust dich satt,

Genießest deiner Jugend freie Rechte.

Du bist des Augenblickes will’ge Beute,

Und dein Erleben ist der Sinne Spiel.

Du nimmst, was dir gefällt, und fragst nicht viel

Vom Morgen, lebst allein dem Heute

Des schnell vergess’nen Abenteuers…

Ich seh’ dich an – und fühle mich so kalt…

In meinem Herzen, tot und kalt.

Verweht die Asche eines letzten Feuers…

Was für ein tragisches Gesicht!
Die Augen weinen Einsamkeiten,
Und dieser Mund sagt ohne Laut
Was tief in ihr verborgen spricht
Won sonnenüberstrahlten Weiten,
Indes sie frierend in das Dunkel schaut…
Sie schuf die schönen Frauenbilder,
Malte in Farbenleuchten Wesen, Atmen, Leben…
Und edle Tiere, deren wilder
Und ungezähmter Kraft sie Zügel schuf,
So daß in zitterndem Erbeben
Sie folgen ihres Willens Ruf. –
Sie aber ist so ganz allein
Inmitten dieser stummen Kreaturen.
Die Nacht ist nah im letzten Abendschein –
Das Meer rauscht ferne – und die Uhren
Der Zeit steh’n still und haben nichts zu sagen.
Von heute nichts und nichts von morgen –
Und nichts von neuen Tagen.

EINEM JUNGEN MÄDCHEN

Die Reue wartet irgendwo am Straßenrand
Und streckt die kalte Hand
Dir schon entgegen. Doch du siehst sie nicht.
Dein Angesicht
Ist unbeschwert …
Wie mich der Neid verzehrt
Daß du mich Kluge nicht verstehst
Und daß du töricht in dein Unglück gehst!

Wie seltsam wir das Bild der Ahnen tragen!
Es sehen mich aus meinem Spiegelbild
Die Mutteraugen, die in fernen Tagen
Das Laben mir mit Licht erfüllt,
Oft sinnend an.
Und dann und wann
Hör’ ich mein Lachen, so wie Vater lachte,
Wenn seine Sorge rasch zerrann,
Die wohl die Nacht ihm schlaflos machte.
Und jüngst dem Wellenspiel des Ozeans entstiegen,
Sah ich vor mir im weißen Sand
Dem Schatten langgestreckt und dunkel liegen,
Den Schatten einer Frau, die ich als Kind gekannt:
Die Mutter meines Vaters warf in meinem Schatten
Sich schwarz in meinen weißen Weg,
Und die Vergessene lag da, ein Steg
Der aus den Wellen hinführt in die glatten
Schützenden Mauern, wo die Herde freundlich
wärmend brennen…
Ich aber zitterte in staunendem Erkennen.

Ich stehe an des Abends Schwelle.
Wie einen Mantel, sanft und schön,
Fühle ich seine zarten Schatten
Sich lind um meine wegematten,
Tagmüden Glieder legen –
Um meine Stirne aber
Leuchtet noch der Sonne Helle.
Der Tag, der glühend auf den Wegen
Den tollen Reigen tanzte, sinkt ermüdet
In tief’res Blau, und hold befriedet
Ruh’n meine Hände
Und warten
Auf des Tages Wende.

Fallender Sterne jäh versprühende,
Sausende Pfeile! Wieviel glühende
Brennende Wünsche hatt’ ich zu sagen
Einst in versunk’nen, jungen Tagen!
Aberglaubend hold befangen
Rief ich sehnendes Verlangen
Euren Flammenbahnen zu.
Nun hat sich die schöne Ruh’
Über mich so lind ergossen,
Und mein Herz ist kühl umflossen
Wie von weißem Mondenschein
In wunderbarem Stillesein.

Der Sturm, in jähem Sausen,
Hat sich herabgeschwungen,
Ist in der Brandung Brausen
Lachend an’s Land gesprungen.

Er hat die ganze Nacht
Sein tolles Lied gesungen…
Aus frommem Traum erwacht,
Hab ich dem wilden Jungen

Gelauscht, von Lust durchglüht.
Am Morgen war alles verklungen
Der Sturm – der Knabe – das Lied.

Der Mutter Stimme dunkles Gold
Klinkt mir aus fernen Kindertagen.
Sie konnte singend Schönstes sagen
Und unbewußt und ungewollt
Uns aus des Alltags Dämmer tragen.

Der Mutter Stimme stückzerbroch’nes Glas –
So hörte ich die Greisin singen-
Ein zitternd’ Suchen nach verstummtem Klingen,
Und sah die Augen, tränennaß.

Die eig’ne Stimme, glutdurchbrannt,
Klingt mir as langen Lebensjahren
Von bunten Ufern, wunderbaren,
Fern meinem weißen, stillen Strand.

Die eig’ne Stimme, stückzerbroch’nes Glas –
Läßt mich der Mutter Traurigkeit ermessen:
Aus ihren Tränen, unvergessen,
Steigt in die Augen mir das heiße Naß
Um jenen Schatz, den sie und ich besessen.

Und Sterne sinken, flammend im Verweh’n,
Ihn’s blaue, tief verströmte Schweigen.
In ihrer Spur, in ew’gem Reigen,
Die neuen strahlend aufersteh’n.
Und Menschen zeigen
Zum Himmel auf, jählings entbrannt
In neuem, süßesten Erkennen…
Gesegnet, die so leicht entbrennen!
Gesegnet der, dem Gestern abgewandt,
Dem Heute glückbereit entgegenzittert,
In der Fallende zersplittert
In unabwendbarem Entgleiten
An dem Gesetz der Ewigkeiten.