Eine Preußin mit Herz und Charme
Lotte Lehmann zum 30. Todestag
Sie war zwar eine gebürtige Preußin, ihre künstlerische Heimat wurde aber Wien: Lotte Lehmann, deren Geburtstag sich am 26. August zum 30. Mal jährt. Die “Opernheilige”, wie Toscanini sie einst nannte, zählt zu den Künstlern mit Ewigkeitswert.
8. April 2017, 21:58
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L. Lehmann im Gespräch mit H. Fischer-Karwin (1964)
Es gibt in der Geschichte der Gesangskunst, zumindest soweit sie auf Tonträgern nachvollziehbar ist, neben Hunderten, ja Tausenden großartigen Sängerinnen und Sängern nur ganz wenige Künstler, wahrscheinlich sind es nicht viel mehr als ein Dutzend, die tatsächlich Anspruch auf Ewigkeitswert genießen – und eine davon ist zweifellos Lotte Lehmann, deren Todestag sich am Samstag, dem 26. August 2006, nun zum 30. Mal jährt.
“Sie besitzt das Geheimnis, das einzige Geheimnis, das wir haben: Herz! Ein Ton, der aus dem Herzen kommt, geht auch dem Hörer zu Herzen!”, sagte einst ein so populärer Kollege wie Leo Slezak über sie. Und Walter Legge schrieb in seinem Nachruf auf Lehmann: “Ihre Wirkung war, ist und wird, dank ihrer besten Platten, unwiderstehlich bleiben und jeden Hörer wie in einen Strudel von Empfindung hineinziehen … Lotte sang und spielte, als würde sie jedermann im Publikum dazu einladen, ja beinahe zwingen, ihr generöses Herz und ihr ganzes Wesen zu genießen … “
Debüt am Hamburger Stadttheater
Geboren wurde Lotte Lehmann am 27. Februar 1888 in Perleberg in der Mark Brandenburg. Sie stammte aus einfachen Verhältnissen, hat ihr Gesangsstudium eigentlich gegen den Willen des Vaters begonnen und auch nicht sofort die idealen Lehrer gefunden. Erst Mathilde Mallinger – das Evchen der “Meistersinger”-Uraufführung – brachte sie auf den richtigen Weg.
1910 folgte schließlich ihr Debüt am Hamburger Stadttheater, wo man sie zunächst nur in kleinen Rollen einsetzte. Mit der Elsa im “Lohengrin” unter dem jungen Otto Klemperer kam jedoch rasch der große Durchbruch, dem bald auch eine Einladung nach Wien folgen sollte.
Wien, Lehmanns künstlerische Heimat
Hans Gregor, damals Wiener Operndirektor, war eigentlich nach Hamburg gekommen, um einen Tenor zu engagieren. Für Wien entdeckt aber hat er bei dieser Gelegenheit Lotte Lehmann. Und Wien wurde tatsächlich zu ihrem Schicksal, zu ihrer wahren künstlerischen Heimat.
Hier feierte sie in der Folge ihre größten Triumphe, kreierte in der Zweitfassung der “Ariadne” den Komponisten, sang in der Uraufführung der “Frau ohne Schatten” die Färberin, rührte Puccini bei der Wiener Premiere seiner “Schwester Angelica” zu Tränen und war ebenso Wiens erste “Turandot”. Legendär ebenso ihr Evchen, ihre Sieglinde, die Marschallin, Arabella usw.
US-Emigration wegen NS-Regime
Aber die Lehmann gehörte bald nicht nur Wien allein, die ganze Welt lag ihr damals zu Füßen. Und die Nazis hätten viel darum gegeben, sie exklusiv nach Berlin zu verpflichten.
Mit ihnen aber wollte Lotte Lehmann absolut nichts zu schaffen haben – und das nicht nur wegen ihres jüdischen Ehemannes. Also emigrierte sie in die USA und wurde dort auch sesshaft.
Für Toscanini eine “Opernheilige”
Die Lehmann wusste aber nicht nur ihr Publikum zu begeistern, sie galt vor allem Dirigenten als eine “Opernheilige”, wie etwa Arturo Toscanini sie einmal nannte.
Und der gestrenge Maestro war in ihrem Falle auch zu Zugeständnissen bereit, die für ihn sonst absolut tabu gewesen wären, wie z. B. teilweise Transposition der Fidelio-Arie, die ihr ansonsten Schwierigkeiten bereitet hätte. Ganz besonders zugetan war ihr auch Bruno Walter, den sie als ihren größten Lehrer überhaupt bezeichnet hat.
“Keine exakte Künstlerin”
“Ich bin keine exakte Künstlerin”, gab sie selbst einmal zu: “Wenn ich auf die Bühne gehe, lebe ich die Musik und nur das zählt für mich … Wenn ich eine falsche Note singe, was soll´s? Für gewisse Perfektionisten ist dies nicht akzeptabel, aber nach meiner Ansicht zählt bei einem Künstler die Expression … “
Endgültiger Abschied 1951
1945 sang Lotte Lehmann ihre letzte Opernvorstellung, 1951 verabschiedete sie sich bei einem umjubelten Liederabend in der New Yorker Town Hall endgültig von ihrem Publikum.
Die Lehmann war aber auch anderweitig künstlerisch begabt. Sie hat gemalt, war schriftstellerisch tätig, hat Regie geführt und war vor allem auch eine gesuchte Pädagogin mit unzähligen Schülern, von denen viele selbst große Karriere gemacht haben, wie z. B. Grace Bumbry.
Ehrengrab am Zentralfriedhof
Am 26. August 1976 starb Lotte Lehmann im Alter von 88 Jahren in Santa Barbara in Kalifornien, ihrer jahrzehntelangen Wahlheimat, deren Staatsbürgerschaft sie längst hatte.
Dennoch, ihre Verbindung zu Wien, zur Wiener Oper, zum österreichischen Publikum war so stark, dass sie ihre letzte Ruhe in Wien gefunden hat – in einem Ehrengrab am Zentralfriedhof.
Links
The Lotte Lehmann Foundation
Lotte-Lehmann-Woche
Arturo Toscanini
Wiener Staatsoper
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Orpheus Trust