Lehmann, Charlotte „Lotte“, deutschamerikanische Sopranistin (1888-1976)

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Themengebiet Lied

#1 · 17. Februar 2025, 10:43

[Manfred:]

Eine Erinnerung an einen Stern am Sopranhimmel:

Anfang und Aufstieg: Lotte Lehmann

Char(Lotte) Lehmann wurde 1888 in der Kleinstadt Perleberg, die nordwestlich von Berlin liegt, geboren. Sie war eine Tochter des Verwaltungsbeamten Karl Lehmann und seiner Frau Marie, geborene Schuster.

Lehmann studierte später in Berlin Gesang, debütierte allerdings am Stadttheater in Hamburg als Pamina in Mozarts Zauberflöte. Später in ihrer Laufbahn hat man sie aber vornehmlich in Rollen von Puccini und Beethoven, Wagner und Richard Strauss besetzt. Sie war noch in Hamburg engagiert als sie im Oktober 1914 – drei Monate nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges – an die Wiener Hofoper berufen wurde, und zwar als Eva in Wagners Meistersingern. Dirigent war damals Franz Schalk.

Sie kam zu Beginn des dritten Kriegsjahres an die Wiener Hofoper. Zu dieser Zeit lebte Kaiser Franz Joseph noch und die Hofoper eröffnete die Spielzeit mit der Kaiser-Hymne und Webers Freischütz, gedacht als Gratulation zum 86. Geburtstages der Majestät; Dirigent war der Hofkapellmeister Leopold Reichwein.

Alles, was sich irgendwie nach Preußen anhörte, erzeugte in Österreich Unbehagen. Der Name des preußischen Militärkapellmeisters Johann Gottfried Piefke war Synonym für Deutsches. Merkwürdigerweise fiel davon nichts auf Lotte Lehmann ab; sie bekam von allen Seiten nur Lob. Das führte schließlich dazu, dass man ihr für die Uraufführung von Strauss’ Ariadne auf Naxos die Hosenrolle des Komponisten anbot. Die Hauptrolle war dagegen mit Maria Jeritza besetzt, gegen die Lotte (noch) nicht ankam. Als die Ariadne 1926 auf dem Programm der Salzburger Festspiele stand, stellte die Jeritza, die gerade ihre Sommerfrische am Attersee verbrachte, ein einmaliges Auftreten in Aussicht. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie jedoch ihre Alleinstellung als Primadonna bereits verloren, und der Presse war zu entnehmen, dass Lotte Lehmann zu Kammersängerin ernannt worden war.

Es zeigte sich, dass Richard Strauss in Salzburg hinter den Kulissen die Fäden zog: Sein Favorit für die musikalische Leitung seiner Ariadne im Festspielsommer 1926 hieß Clemens Krauss, damals Opernintendant in Frankfurt/Main. Sein Wunsch-Regisseur war Lothar Wallerstein. Krauss und Wallerstein galten an der Wiener Staatsoper als Gäste, als sie unter Mitwirkung des Wiener Bühnenbildners Oskar Strnad im Salzburger Stadttheater (heute Landestheater) die Ariadne genial inszenierten – hoch gelobt als Salzburger Ariadne. Am 18. August gab Lotte Lehmann ihr Festspiel-Debüt als Primadonna-Ariadne.

Inzwischen hatte die Lehmann in aller Stille in Wien ihren Geliebten Otto Krause geheiratet, eine Ehe zwischen Partnern unterschiedlicher Religionsgemeinschaften: Lotte war nämlich evangelisch und Otto Katholik, aber geschieden. Aus seiner ersten Ehe mit einer Jüdin stammten vier noch minderjährige jüdische Kinder: Ludwig, Manon, Otto und Peter. Lotte, seit ihrer Heirat österreichische Staatsbürgerin, musste außerdem noch für ihre bei Wien lebenden Eltern sorgen.

Zum Abschluss des Wiener Beethoven-Zentenariums gab die Lehmann ihr Debüt als Leonore in Fidelio, von Lothar Wallerstein an der Staatsoper neu inszeniert. Die wurde hernach als Apotheose der Freiheit, Liebe und Menschlichkeit gepriesen. Im Salzburger Festspielhaus, das der Architekt Clemens Holzmeister in eine Opernbühne umgestaltet und mit Szenenbildern ausgestattet hatte, wurde erstmals am 13. August 1927 die Wiener Fidelio-Inszenierung von Wallerstein mit der Lehmann als Leonore gespielt. Der Blick in die Annalen der Festspiele zeigt, dass bis zum Festspielsommer 1937 die Leonore beinahe ausschließlich Lehmanns Rolle war.

Am 12. August 1929 stand Clemens Krauss als neuer Direktor der Wiener Staatsoper am Pult des Festspielhauses: Er dirigierte den Rosenkavalier, den Lothar Wallerstein für Salzburg neu inszeniert hatte und die ein Musikkritiker zur österreichischen Nationaloper erklärte. Die Lehmann war fortan die Feldmarschallin bis 1937.

In den Annalen der Salzburger Festspiele ist eine weitere Oper von Strauss und Hofmannsthal verzeichnet, in der Lotte Lehmann mitwirkte: Die Frau ohne Schatten, eine mit Symbolen befrachtete und daher schwer verständliche Märchenoper. Dieses Werk ist 1931 erstmals in Wien von Wallerstein neu inszeniert worden um kam 1932 nach Salzburg. Zweimal sang Lotte Lehmann die Partie der Färberin. An der Wiener Staatsoper war Lehmann am 17. Oktober 1932 zum letzten Mal in dieser Partie zu hören, ehe sie zu ihrer dritten Amerika-Tournee aufbrach. Sie reiste wie in den Vorjahren in Begleitung ihres Ehemannes Otto Krause nach New York.

Im November 1932 gab sie ihr erstes Konzert in der Carnegie Hall; danach tourte sie, auch im nächsten Winter, durch Amerika. Am 11.Januar 1934 debütierte sie an der Met und am 11. Februar gab sie in der Radio City Music Hall ihr erstes Konzert mit Arturo Toscanini. Am 19. März war er Zuhörer ihres Abschiedskonzertes in New York. Der Italiener hatte wegen der Nazis seine Teilnahme an den Bayreuther Festspielen 1933 verweigert, erwählte aber Lotte Lehmann für seine vierte Amerika-Tournee zu seiner Lieblingssängerin.

Eine Randnotiz ist, dass im Frühjahr 1934 ein Vorhaben Hermann Görings in Berlin missglückte: Lotte Lehmann sollte als international gefeierte Primadonna an Nazi-Deutschland gebunden werden. Sie galt dort eigentlich als unerwünscht, weil sie im Sommer 1934 erstmals als Interpretin von Liedern Richard Wagners in einem Konzert Toscaninis auftrat. Aus Görings Plan wurde nichts.

Am 10. Oktober bot sich auch dem Publikum im Großen Musikvereinssaal in Wien die Gelegenheit, Toscaninis Konzert mit Lotte Lehmann zu erleben. Ehe sie zu ihrer fünften Amerika-Tournee aufbrach, gab sie wie in den Vorjahren ihren Abschiedsabend, nun aber in Gegenwart Toscaninis.

Lotte Lehmann äußerte kein Bedauern, als sie auf ihrer Tournee erfuhr, dass sich der Wiener Operndirektor Clemens Krauss in die Reichshauptstadt Berlin verabschiedet hatte. Schon im Februar 1935 konnte man in der Wiener Presse lesen, dass Toscanini statt Krauss den Fidelio im nächsten Festspielsommer dirigieren wird und die Premiere fand am 7. August genauso im Festspielhaus statt.

Lotte Lehmann sechste Tournee in den USA dauerte fünfeinhalb Monate. An der Wiener Staatsoper war sie ein rarer Gast. Im Festspielsommer 1936 sang sie wieder die Leonore und erstmals unter Toscanini die Eva in den Meistersingern.

Neun Monate dauerte Lehmanns siebte Tournee durch Amerika und Australien. Ende Juni 1937 reiste sie nach Europa, um in Salzburg zu den Proben unter Toscanini pünktlich zu erscheinen. Sein Fidelio hatte am 24. Juli Premiere: Spalier stehende Schaulustige längs der Auffahrt zum Festspielhaus zählte 330 Limousinen, viel Glamour und Prominenz, an ihrer Spitze Sara D. Roosevelt, die Mutter des Präsidenten der USA, und das frisch getraute Herzogspaar Windsor (vormals King Edward VIII und Mrs. Wallis Simpson). Toscanini blieb davon unbeeindruckt.

Am 20. August 1937 hatte Lotte Lehmann als Liedsängerin, begleitet von Bruno Walter am Klavier, ihr sechstes und letztes Konzert im Mozarteum. Es hieß in der Presse, dass der Applaus kein Ende nehmen wollte.

Am 24. August 1937 hatte Lotte Lehmann ihren neunzehnten und letzten Auftritt als Feldmarschallin im Festspielhaus, mit einem Rekordergebnis: man zählte 485 Limousinen und zehn Pferdekutschen bei der Auffahrt zum Rosenkavalier, den der in Deutschland in Ungnade gefallene Hans Knappertsbusch dirigierte.

Am 26. August 1937 hatte Lotte Lehmann ihren siebenundzwanzigsten und letzten Auftritt als Leonore im Festspielhaus. Im Publikum saß Österreichs autoritär regierender Kanzler Schuschnigg mit dem französischen Gesandten Gabriel Puaux. Beim anschließenden Souper im Nobelhotel Österreichischer Hof erhielt Lotte Lehmann für ihre weltumspannende Gesangskunst eine Auszeichnung, die traditionell eigentlich den Männern vorbehalten war: das französische Offizierskreuz der Ehrenlegion.

Nachzutragen ist, dass im Verlauf des Jahres 1937 in einem Wiener Verlag, der die in Deutschland verbotenen Werke von Stefan Zweig publizierte, von Lotte Lehmann zwei Bücher erschienen: ihr Roman Orplid, mein Land und ihre Memoiren Anfang und Aufstieg.

Ihren Memoiren ist nicht zu entnehmen, dass sie Österreichs gewaltsames Ende vorausahnte. In der Presse konnte man bereits im September 1937 lesen, dass im Festspielsommer 1938 die Oper Tannhäuser von Richard Wagner unter der Leitung von Arturo Toscanini mit Lotte Lehmann als Elisabeth zur Aufführung gelangen sollte. Erst einmal stand Anfang Oktober 1937 ihr Wiener Abschiedskonzert auf dem Programm. Sie hatte danach noch einen Auftritt in Paris und reiste dann mit den Dienstmädchen, ihren Hunden und ihrer Limousine auf dem deutschen Luxusdampfer Europa von Bremen nach New York.

Ende Januar 1938 ließ die Lehmann ihr Wiener Publikum wissen, dass sie noch im April heimzukehren gedenke. Es kam jedoch anders, da Bundeskanzler Schuschnigg am 12. Februar 1938 auf dem Obersalzberg vor dem deutschen Reichskanzler Adolf Hitler kapitulierte. Lotte Lehmann befand sich noch in New York, als Schuschnigg im März 1938 seinen Rücktritt als Bundeskanzler verkündete – mit den häufig zitierten Schlussworten Gott schütze Österreich!

Doch wer schützte Österreichs Jüdinnen und Juden, denen die Flucht in die freie Welt misslang? Wusste Lotte Lehmann, wie es der ihr gewogenen Musikkritikerin Elsa Bienenfeld (E.B.) in Wien unter dem nationalsozialistischen Terrorregime erging? Ende März 1938 gab Lotte Lehmann noch einen Liederabend in New York. Ende April 1938 reiste sie nach Europa, jedoch nicht in das von Deutschland besetzte Österreich, sondern nach England, wo sie Auftritte an der Covent Garden Opera unter Erich Kleiber hatte, danach nach Den Haag und Paris.

Von Le Havre reiste sie mit Ludwig, Otto und Peter Krause, den Söhnen ihres Ehemannes aus seiner ersten Ehe, auf der Champlain in die USA: Ankunft am 10. August 1938.

Ihr Ehemann Otto Krause und seine Tochter Manon befanden sich bereits in New York und somit in Sicherheit. Ihr Ehemann starb jedoch 56-jährig am 22. Januar 1939 in New York. Ihr zuletzt in Wien lebender Bruder Fritz Lehmann gelangte im Februar 1939 nach New York.

Lotte Lehmann bewarb sich um die Staatsbürgerschaft der USA. Seit 1941 lebte sie mit ihrer Familie, ihren Stiefkindern und ihrem Bruder samt Anhang, in Santa Barbara, Hope Ranch Park in Kalifornien. Dort erhielt sie 57-jährig am 13. Juni 1945 die US-Staatsbürgerschaft.

In den Exiljahren 1939 bis 1945 hatte sie noch Auftritte an der Metropolitan Opera, zumeist im Rosenkavalier unter Erich Leinsdorf. Ihren letzten Auftritt als Feldmarschallin hatte sie jedoch am 1. November 1946 an der San Francisco Opera unter Georges Sébastian. Sie gab außerdem noch Liedkonzerte, ihr letztes am 11. November 1951 im Pasadena Playhouse bei Los Angeles in der Nähe ihres Wohnsitzes in Santa Barbara.

Bekannt ist außerdem, dass Lotte Lehmann noch zwei Jahrzehnte in Santa Barbara als Gesangspädagogin wirkte und Marilyn Horne, Grace Bumbry und Judith Beckmann zu ihren Schülerinnen zählen konnte.

Lotte Lehmann war mehrmals zu Besuch in ihren einstigen Wirkungsorten Wien und Salzburg. Sie empfing dort Ehrenringe und Medaillen. In Salzburg erhielt ein abseits liegender Weg hinter dem Schloss Aigen ihren Namen: Lotte-Lehmann-Promenade.

Das Konzerthaus der University of California in Santa Barbara führt seit 1969 ihren Namen The Lotte Lehmann Concert Hall.

Am 26. August 1976 starb die Sängerin 88-jährig in Santa Barbara. Ihrem Wunsche gemäß wurde die Urne nach Wien überführt, bestattet in einem Ehrengrab der Stadt Wien mit huldigenden Worten von Richard Strauss: Sie hat gesungen, dass es Sterne rührte.

Quellen:
Salzburg Chronik
Stadt- und Landesarchiv Wien
Archiv der Salzburger Festspiele
ANO: Austrian Newspapers Onlin
The Lotte Lehmann League (Chronology)
Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit (Universität Hamburg)
Michael H. Kater: Never sang for Hitler. The Life and Times of Lotte Lehmann, Cambridge 2008
Lotte Lehmann: Anfang und Aufstieg, Lebenserinnerungen, Herbert Reichner, Wien-Leipzig-Zürich 1937.

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Alles Liebe
André