• Lotte Lehmann’s poems from her Gedichte of 1969 with my translations or those of Judy Sutcliffe
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Wegstürzend Telegrafenpfähle –
Grauweißen Rauchs geballtes Wolkenspiel –
Mein Zug, zu ewig fernem Ziel
Hinrasend, stampft gewohnte Melodie
Durch weite, schwingende Prärie,
Durch gold’ne, stille Abendhelle.
Dies atemlose Vorwärtsjagen,
Dies nie Verweilen, niemals Stillesteh’n,
Dies rastlos Kommen, rastlos Weitergeh’n
War meines Lebens brausender Gesang,
War mir Musik und Lust und Klang
In meines Herzens unruhvollem Schlagen.
Nun fühle ich den Lärm verhallen –
Und tiefe Stille ist in mir erwacht,
Das ich, auftauchend wie aus wirrer Nacht,
Die Welt zum ersten Male sehend
Und ihre Schönheit ganz verstehend
Muß voller Andacht in die Kniee fallen.
Gott hat mir viel und gnadenvoll gegeben,
Und meine Stimme pries es im Gesang,
Daß ihrer ward des Wohllauts Klang.
Nun aber wollen meine Augen baden
In neuer Schönheit unerhörten Gnaden
In neu erwachtem, tief bewußtem Leben.
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II
Ich hab’ ja nicht gewußt, wie in den Ästen
Des kahlen Baums so viele Anmut lebt,
Daß Gold und Silber lieblich sich verwebt
In bronzenem Gespinst, in dem die Knospen träumen
Von kommendem, lenztrunk’nem Überschäumen,
Ich wußte nichts von diesen besten,
Erhabenen Gesdhenken, vor uns ausgestreut,
Ich hatte niemals Zeit, konnt’ niemals rasten
War wie gejagtes Wild im Vorwärtshasten…
Doch nun mach’ ich den Jäger mir zur Beute.
Die mich gehetzt, ich fang’ die Zeit– und heute
Hat sich auf ihren Schwingen meine Welt erneut!
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Pages 7 & 9
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Wildgenoss’ne Jugendabenteuer
Reifer Jahre heiß bewußtes Sichverschwenden –
Gleitet nun aus meinen Händen,
Und von Glut und Feuer
Bebe nur lächelndes Gedenken…
Wenn ich mich auch hingegeben
An die Lust des Augenblickes,
An die Wonne dieses Glückes,
Das berauschende Erleben –
Niemals konnt’ ich mich doch ganz verschenken.
Was ich unberührbar in mir fühlte
Tief in meines Herzens Grunde,
Harrte immer doch der Stunde,
Da der reine Herbstwind mich durchkühlte,
Und des Sommers Glut entwich…
Dieses Sicherheben aus verwirrten Sinnen,
Aufschau’n in die Morgenklarheit,
Lösend sich aus süßer Narrheit,
Ist ein wunderbares Neubeginnen,
Ist ein Weg zu meinem Ich!
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Wild comrade youth adventures
Mature years hotly consciously wasting oneself –
Now slide from my hands
And of embers and fire
Just tremble smiling memory …
If I also gave myself up
To the pleasure of the moment,
To the bliss of this happiness,
The intoxicating experience –
I could never give myself away completely.
What I felt untouchable inside of me
Deep in my heart,
Always waited for the hour,
Since the pure autumn wind cooled me down,
And the embers of summer escaped …
This feeling of security from confused senses
Looking up into the morning clarity,
Breaking away from sweet foolishness,
Is a wonderful new beginning
Is a way to my self!
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Die Linien deiner Stirn
Sind so wie weite Vogelschwingen
Gebreitet über deiner Augen
Stille See’n
Doch die Gedanken
Schlagen sich die Flügel müden hohen Kirchenwänden,
Flattern matt
Zu Fußen der Altäre,
Wo Kerzen glüh’n
In sanftem Licht…
O Kühle, weiße, wesenlose Kühle
In deiner Adern stetem Strom!
Da ist kein Feuerbrand,
Der sie zur Flamme wandelt
Und keine Glut,
Die deine Augen
Verwirrend treffen kann,
So das ihr ruhevolles Licht
Verdunkelt…
Und da ist keine Kraft,
Die deines Mundes
Sicherheit
Die glatte, unberührbare,
Zerstört…
Da ist kein Leben, das dich Toten weckt…
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The lines of your forehead
Are like wide wings of a bird
Spread over your eyes
Silent seas.
But the thoughts
Flap their wings wearily
On high church walls,
Flutter weakly
At the foot of the altars,
Where candles glow
In soft light …
O coolness, white, unsubstantial coolness
A steady stream in your veins!
There is no fire blight,
That turns them into a flame
And no embers,
That can confuse
Your eyes,
So that the peaceful light
Darkens …
And there is no strength,
That of your mouth’s
Security
The smooth, untouchable,
Destroyed…
There is no life that wakes you dead …
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Hat sich denn deine Lebensglut verschwendet
In den Gebeten nur vor strengen,
Lichtschimmerndenden Altären?
In Träumen, die dich nachts bedrängen
Und die– abwegig fortgewendet –
Die fromme Seele dir verzehren?
Oder du Stiller, schöpfst du Harmonie
Aus deines Wesens kühlen Tiefen,
Die sanft durch deine Adern fließt, so wie
Die Bäche, die im Tal den Sturm verschliefen,
Der wild um rauhe Gipfel rast…
O könnte ich das das Rätsel doch ergründen,
Das du in dich verschlossen hast –
Und in erlösendem Entzünden
Dein Blut entflammen, heiß und schwer,
Daß alle Ströme glühend münden
In meines Herzens sturmbewegtem Meer!
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Has your life’s glow been wasted
In the prayers only before severe,
Light shimmering altars?
In dreams that haunt you at night
And those – turned away astray–
Consume your pious soul?
Or you still one, you create harmony
From the cool depths of your being,
That flows smoothly through your veins, like
The brooks, that slept through the storm in the valley,
Which races wildly around rough peaks …
Oh, if I could figure out the riddle
That you locked yourself in –
And in redeeming ignition
Your blood aflame, hot and heavy,
That all the rivers flow glowingly
In the stormy sea of my heart!
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Man schlägt mit ungeduld’gen Fäusten nicht
An Kirchentüren…
Man stiehlt nicht Gold vom Hochaltar …
Man sieht nicht in’s geweihte Licht
Fordernden Blicks– und bar
Der frommen Demut, die sich ganz verlieren
Und ganz zu geben weiß
Den holden, erdentrückten Sphären,
Darin der Engel meiner Kindheit schwebt…
Mein ungestümer Mund bedrängte heiß
Den deinen, der sich ohne Wehren
Und ohne Wunsch ergab. Und unerlebt
War dir mein Kuß, der mich durchbebt
In Sehnsucht, ganz dich zu erfüllen –
Und diese Lippen, diese stillen
Und rätselvollen, aufzuschließen,
Um meines Liebens ungestilltes Wissen
In dich hinströmend zu ergießen…
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One doesn’t hit with impatient fists
On church doors …
One doesn’t steal gold from the high altar …
One doesn’t see in the sacred light
Demanding look and bar
The pious humility that is completely lost
And knows how to give
The fair, earthly spheres,
The angel of my childhood hovers in it …
My boisterous mouth pressed hot against
Yours which cannot defend itself
And surrendered without a wish. And unexperienced
Was my kiss to you that shook me through
Longing to completely fulfill you –
And these lips, these are silent
And puzzling to unlock
For the unsatisfied knowledge of my love
To pour into you …
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Die Mondnacht bricht in blauer Helle
In mein Gemach und gießt
Den sanften Silberstrom bis an die Schwelle,
Wo er verrinnend in den Schatten fließt.
O jäher Aufblick, hold vom Schlaf umfangen,
Zu diesem friedevollen Bild,
Das meiner Seele glühendes Verlangen
Mit Sternenschönheit füllt!
Die Augen wollen mit Entzücken trinken
Das Wunder, das mich lieblich traf.
Dann werd’ ich lächelnd sinken in Schlaf–
Und süß in wunschlos stillen Träumen
Dem Lied der Wogen wieder lauschen,
Die durch die Nacht in tiefem Rauschen
Am Strand uns’res Orplid verschäumen.
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[Two translations exist for this poem; the first by an unknown person, the second, by Judith Sutcliffe]
In blue brightness the moon night breaks
Into my chamber and pours
The soft, silvery stream up to the threshold
Where it runs off, flowing into the shadow.
O, sudden upward glance, still caught by sleep,
At this peaceful picture,
Which fills the flowing yearning of my soul
With the beauty of the stars!
With delight my eyes want to drink
The miracle that, so lovely, came to me.
Then I shall smilingly sink
Into sleep
And listen again, in desireless, quiet dreams,
To the song of the waves
Which foam away in deep roars
At the beach of our Orplid.*
*The name LL gave to the Hope Ranch villa where she lived for many years.
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[A variation of this poem can be found in the PDFs from UCSB’s Special Collections elsewhere on this site.]
Wie schön ist dieser tiefe Schlummer,
Wie schön die saphirblaue Ferne!
Es leuchten über mir die Sterne,
Der ganze Himmel ist mein Zimmer,
In dem ich träumend liege.
Der Wind spielt in den stillen Zweigen,
Die sanft sich seinem Atem neigen,
Wie eine schwanke, grüne Wiege.
Drei schwarze Tannen stehen Wacht
Und breiten ihre Engelsschwingen
Über mein Bett. Und Sterne singen
Ihrer erhab’nen, ew’gen Kreise
Unalte, wundersame Weise
Durch diese warme Julinacht.
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[There are two translations, the second by Judith Sutcliffe.]
How beautiful is this deep shimmer,
How beautiful this sapphire-blue distance!
Above me the stars are shining,
The whole sky is my room.
Where I am lying, sleeping, dreaming.
The wind plays in the branches
That are softly bending in its breath,
Like a wavering, green cradle.
Three black fir-trees are standing guard
And spread their angels’ wings
Over my bed. And the stars are singing
The ancient, wondrous tune of their
Noble, eternal orbits
Through this warm night of July.
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Ob jetzt an meinen Fenstern die Geranien
In roten Blüten übergeh’n?
Ob wohl im Prater die Kastanien
In tausend weißen Kerzen steh’n?
Wie oft sind wir zu zweit geritten
In frischer, herber Morgenluft
Durch sel’ges Blumenüberschütten,
Durch grüner Bäume würz’gen Duft…
Es hingen in den Mähnen uns’rer Pferde
Kastanienblüten, taumelnd, windzerzaust,
Auf spritzte von den Hufen braune Erde,
Wenn galoppierend wir dahingebraust
Durch die Allee, die lange, waldumsäumte…
[Du, die mich so verraten hat,
Wie kommt es, dass ich heute wieder träumte
Von dir, du schöne, treuelose Stadt?]…
Ach, daß ich wieder von dir träumte,
Du schöne Stadt im Frühlingsblüh’n…
Mein Wien!
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Am Grunde seiner Augen brennt das Feuer,
Das maßvoll er zu meistern sich bemüht,
Das Feuer, das verhalten in ihm glüht,
Und das kein Wort verrät, kein scheuer,
Ausbrechend schneller Blick, der, blitzesgleich,
In’s Blut der Frauen zündend bräche…
In herb verschloss’ner Haltung birgt sich seine Schwäche,
Der zu erliegen er erbebt. Sein strenges Reich
Hat klösterlichen Wall. Und die Gedanken
Sind Diener seines Willens. – Doch wer weiß
Von seinen Träumen, süß und heiß,
Die strömend durch die edlen, schlanken,
Gelösten Glieder glüh’n?…O süße, sündenvolle Stunde,
Da sich sein Traumbild zu ihm neigt und ihn umschlingt
Und junges Leben durstend trinkt
Von diesem stolzen Knabenmunde.
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[There are two translations:]
At the bottom of his eyes burns the fire
That he, temperately, tries to master.
The fire that, within him, glows suppressed,
And that no word gives away. No shy,
Sudden glance which, like lightening,
Might hit the women’s blood…
His weakness hides in an austerely closed up attitude,
And he trembles in the fear that he might succumb.
His strict realm has a cloister-like wall. And thoughts
Are servants of his will. – Yet, who knows
Of his dreams, sweet and hot,
Which stream, glowing, through the noble, slender,
Limbs? … O sweet hour, full of sins,
When his vision bends towards him and clings to him,
And young life, thirsting, drinks
From this proud moth of a lad.
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[A 2nd translation:]
And that no word gives away. No shy,
Sudden glance which, like lightening,
Might his the women’s blood …
His weakness hides in an austerely cl
The fire burns at the bottom of his eyes,
That he tries to master with moderation,
The fire that glows cautiously in him,
And that doesn’t reveal a word, not a cautious one,
A quick look that, like lightning,
Burning into the blood of women …
His weakness is hidden in a bitterly closed posture,
To succumb he trembles. His strict realm
Has monastic bullwark. And the thoughts
Are servants of his will. – But who knows
About his dreams, sweet and hot,
Flowing through the noble, slim,
Relaxed limbs glowing? … O sweet,
Hour, sinful ones
As his dream image leans towards him and wraps around him
And thirstily drinks young life
From this proud boy’s mouth …
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“Und morgen wird die Sonne wieder scheinen…”
We oft hab’ ich das Lied gesungen,
Indes du, siech und krank,
Um Atem hast gerungen
Allein und todesbang…
Wir glaubten an den Tag, den einen,
[oder: Wir träumten von dem Tag, dem einen]
Der uns versprochen und verheißen:
Daß du, zurückgegeben
Dem schönen, so geliebten Leben
Mit mir am Strande stehst im Sonnengleißen.
Ich neige mein Gesicht in stillem Weinen,
Singe ich jetzt dies Lied:
Dir, der für immer von mir schied,
Wird nie die Sonne wieder scheinen…
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“Und morgen wird die Sonne wieder scheinen…” (from “Morgen” by Strauss)
How often have I sung that song
While you, ailing and sick,
As you struggled for breath
Alone and deathly afraid …
We believed in that day, the one,
Which pledged and promised us:
That you, restored
To the beautiful, so beloved life
To stand with me on the beach in the glistening sun.
I tilt my face in silent weeping,
I’m singing this song now:
On you who are parted from me forever,
The sun will never shine again …
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So hört’ ich wieder deiner Stimme Ton,
Die einst mein Herz erzittern machte…
Ich lachte
Ob der versunk’nen Illusion.
Wie seltsam: ich versteh’ es kaum
Daß dieser schien der einzig Eine…
Und doch: ich weine
Un einen toten Traum.
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I heard the sound of your voice again,
That once made my heart tremble …
I laughed
Over the lost fantasy.
How strange: I hardly understand it
That this one seemed the only one …
And yet: I’m crying
Over a dead dream.
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In Flammen starb dein Bild…
Dies Antlitz, weißgeglüht in eig’nen Gluten,
Zerging in rasendem Verbluten
Der Feuerwoge, rot und wild,
Die über uns’re Gipfel niederbrach…
Die Berge brannten, und die Wälder starben.
Das Haus versank in Flammengarben,
Dein Bild mit ihm, dein Angesicht…
Dich zeichnend, ziehe ich nun nach
Der wunderbaren Stirne edle Schwingung,
Der Augen dunkles Licht
Des Blickes zündende Durchdringung…
Doch ach, ich kann dich nicht erfassen…
Die Farben scheinen matt, wie mein Gefühl
Ermattete in mählichem Verblassen…
Ih weiß, mit Farben, hell und silberkühl,
Kann ich dein Angesicht nicht zwingen…
In Feuer müßt’ ich meinen Stift versenken,
Mit rotem Herzblut meine Farben tränken,
Sollte mir dieses Bild gelingen…
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Als ich heut’ heimfuhr, brannte letztes Sonnenglühen
Über den Hudson hin –
Und Häuserreih’n, von Jahren graugefressen,
Erstanden wie in leuchtendem Erblühen
Und sanken in den Abend hin
Pracht und Schönheit unermessen.
So –sonnengleich– dein Lächeln kam
Und strahlte süßestes Vergessen
Der Zeit, die mir die Jugend nahm –
Und überströmte mich mit Abglanz des vergang’nen Glücks…
Wie kannst du so mit einem Blitz des dunklen Blicks
Vergessen machen, daß die Träume ausgeträumt?
Wie kannst du so mich wandeln,
Das in meinen Adern wieder schäumt
Das halb vergess’ne, wunderbare Feuer?
Und daß mein Mund, der ungewohnte, sich in neuer
Und süßer Sehnsucht dir entgegenhebt?
Wie kannst du so mich wandeln,
Daß auf’s Neue bebt
Dies Herz, dess’ Glut so lange schon verblich?
Heut’ singt es nur ein Wort: ich liebe dich.
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I
O du phantastisch schöne Nacht!
Des Mondes breite Silberbahn
Schien Weg und Ziel…
Und unser Schiff ein stiller Schwan,
Durch schwarze Seide hingetragen …
Wei’ß, leuchtend, kühl
In tiefer Himmelsferne
Das Silberlicht
Der Sterne…
Ich lag am Deck, und mein Gesicht
War reglos aufgeschlagen …
Würden in sausendem Gleiten
Funken fallen ins Dunkel hinein?
Wie wollt’ ich meine Hände breiten,
Ganz ohne Staunen:
Dies ist die Stunde, da Feen schreiten
Und Märchen raunen…
Ein Märchen scheint es, daß wir gleiten
Zwischen den Welten und Ozeanen…
Vielleicht war alles ein Traum:
Brausender Flug in endlosen Bahnen
Über die purpurglühende Wüste –
Um uns Wolken, wie Schnee und Schaum –
Colombo’s bunte, schimmernde Küste –
Der Buddhapriester im Goldgewand –
Und nackte Menschen auf heißen Feldern –
[Added: Ach, und der süsse, berauschende Duft,
Der über den Dörfern lag –
Schwer von Blüten die schwüle Luft,
Von Cocosöl und betäubendem Tee –––
Und die weisse, strahlend helle Moschee –––
Ferne in den australischen Wäldern
An einem hellen Sonnentag
Der seltsame Vogel, tanzend und singend –––
Tasmanian’s tief schimmernde Goldzypressen –––
Schmetterlinge, um Blumen schwingend
Mit leuchtenden Flügeln ––––––––
Der rosige Schein auf jenen Hügeln –––
Und diese Weiten, unermessen,
Durch die wir schweben
Heimatentgegen im weissen Licht ––––––
War es ein Traum? War es Erleben?
Ich weiss es nicht….
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O you wonderfully beautiful night!
The broad silver orbit of the moon
Seemed path and goal …
And our ship a silent swan,
Carried by black silk …
White, bright, cool
In deep heavenly distance
The silver light
The Stars…
I was lying on the deck and my face
Was motionless, open …
Would, in a whizzing slide
Sparks fall into the dark?
How would I spread my hands
Without astonishment:
This is the hour when fairies stride
And fairy tales murmer …
It seems like a fairy tale that we slip
Between the worlds and oceans …
Perhaps it was all a dream:
Roaring flight on endless paths
Across the purple glowing desert –
Around us clouds like snow and froth –
Colombo’s colorful, shimmering coast –
The Buddhistic priest in the golden robe –
And naked people in hot fields –
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II
Ach, und der süße, berauschende Duft,
Der über den Dörfern lag –
Schwer von Blüten die schwüle Luft,
Von Cocosöl und betäubendem Tee–
Und die weiße, strahlend helle Moschee –
Ferne in den australischen Wäldern
An einem hellen Sonnentag
Der seltsame Vogel, tanzend und singend –
Tasmania’s tief schimmernde Goldzypressen–
Schmetterlinge, um Blumen schwingend
Mit leuchtenden Flügeln–
Der rosige Schein auf jenen Hügeln –
Und diese Weiten, unermessen,
Durch die wir schweben
Heimatentgegen in weißem Licht –
War es ein Traum? War es Erleben?
Ich weiß es nicht…
*******************************
Oh, and the sweet, intoxicating scent,
That lay over the villages –
The sultry air heavy with blossoms,
Of coconut oil and dazing tea –
And the white, bright and radiant mosque –
Distant in the Australian forests
On a bright sunny day
The strange bird, dancing and singing –
Tasmania’s deep shimmering golden cypress –
Butterflies floating around flowers
With glowing wings –
The rosy glow on those hills –
And this vastness, immeasurable,
Through which we float
Homeward bound in white light –
Was it a dream? Was it reality?
I don’t know…
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Wir fahren uns’re regennasse Straße
Auf die das Silberlicht ein mattes Schimmern haucht.
Die Ferne ist verlöscht. Das blasse,
Unheimliche Gebild’, das aus dem Nebel taucht,
Formt sich zum Baum. Und hier, gewoben
Aus grauem Florgespinst, ein schlicht
Und friedvoll’ Haus, emporgehoben
Gespensterhaft, so wie ein drohend’ Nachtgesicht.
Durch Regen fahrend, grüßt mein Herz die Ferne,
Wo über Wolken wir gelebt –
Da wo aus tiefem Glanz der Sterne
Die ew’ge Sonne strahlend sich erhebt…
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We drive our rain–soaked road
On which the silver light breathes a dull shimmer.
The distance is extinguished. The pale,
Eerie form that emerges from the mist,
Forms itself into a tree. And here, woven
Of gray fleece, a plain
And peaceful house, appears
Ghostly, like a threatening night face.
Driving through the rain, my heart greets the distance,
Where we live above the clouds –
There, where from the deep shine of the stars
The eternal sun rises radiant …
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Wie lieb’ ich diese klare Stunde,
Die zwischen Tag und Abend liegt,
In der die Berge in den Horizont gefügt
Sind wie geschliff’ne, gläserne Paläste.
Und um die zarten Silberäste
Der jungen Bäume schimmert Sonnenlicht,
Das goldverblassend dort vergeht,
Wo erster violetter Schatten weht.
Wie lieb’ ich dieser Stunde reine Helle,
Die zwischen Tag und Abend steht!
Kristall’nes Tor, leuchtende Schwelle,
Die sanft den Tagesmüden führen will
Hin in den Abend, tief und sternenstill!
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How I do love this clear hour,
That lies between day and evening,
In which the mountains are swept into the horizon
Like polished, glass palaces.
And of the delicate silver branches
The young trees shimmer with sunlight,
That fades to gold there,
Where the first violet shadow wafts.
How I do love this hour of pure brightness,
That lies between day and evening!
The crystal–like gate, shining threshold,
That gently leads the weary day
Into the deep and star–still evening!
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Und immer wieder holdestes Erstaunen
Wenn ich, des Nachts aufblickend,
Im sanften Blau die Sterne seh’…
Im Tal des Windes Raunen,
Der wundersam erquickend,
Hier auf des Berges Höh’
Mit weiten, kühlen Schwingen
Um meine Stirne streicht…
Es ist so still, die Erde schweigt,
Nur Grillen singen.
Jedoch ihr Lied klingt mir aus Fernen,
Denen ich längst entwich.
Ich träume, daß ich lang’ verblich
Und schwebe zwischen Sternen…
***************************
[Two translations are available]
And again my most charming surprise,
When I, looking up at night
See the stars in soft blue…
In the valley the whisper of the wind
Which, wondrously refreshing,
Here, at mountain’s height,
With wide, cool waves,
Caresses my forehead
It is still, the earth is silent,
The crickets alone are chirping,
However, their song sounds to me from remoteness
I had long escaped…
I dream that I expired long ago
And hover among the stars….
*****************************
[A second translation follows]
And always lovely astonishment
When I look up at night,
See the stars in the soft blue …
Murmuring in the valley of the wind,
Which, miraculously refreshing
Here on the mountaintop
With wide, cool wings
Strokes my forehead …
It’s so quiet, the earth is silent
Only crickets sing.
But thier song sounds to me from afar,
Which I have long since escaped.
I dream that I have long faded
And float between the stars …
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Nach stürmischem Gewitterregen,
Jäh’ zerreißend
Erstickender Betäubung dumpfe Schwüle,
Die lähmend auf dem Lande lag,
Strahlt heut’ ein lichter Sonnentag.
Doch in der Luft steht noch des Sturmes Kühle.
Die gold’nen Strahlen liegen gleißend
Auf regennassen Wegen,
Und über Wald und Wiesen flammt ein neuer,
Smaragd’ner Schein wie zarte Flammengarben:
Der Frühling kam im Sturm und brennt in tausend Farben
Sein grünes, buntes Freudenfeuer.
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After a stormy thunderstorm,
Suddenly tearing away
Suffocating numbness, dull sultriness,
That lay paralyzing in the country,
A bright sunny day shines today.
But the storm’s coolness is still in the air.
The golden rays are glistening
On rain–soaked paths
And a new one flames over the woods and meadows,
Emerald–like it shines as delicate sheaves of flame:
Spring came in the storm and burns in a thousand colors
Its green, colorful bonfire.
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Wir sind der Wolken Schwestern,
Schwebend in blauem Geleucht’…
Den Kopf hintüber gebeugt
Lieg’ ich im offenen Wagen,
Sausend, fliegend getragen,
Entgegen dem Morgen, entfliehend dem Gestern…
Wir sind wie Vögel, die heiter
Fiegen von Ziel zu Ziel.
Wir lieben des Windes Spiel
Um sonneglühende Wangen
Und haben nur ein Verlangen:
Weiter!
So wie in tanzendem Reigen
Ziehn jagende Bilder vorbei.
In buntem Wechsel und ewig neu
Gibt uns der Tag mit gütigen Händen
In überströmendem Verschwenden
Die ganze Welt zu eigen…
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Two English translations are available, the first by an unknown person, the second by Judith Sutcliffe
We are the cloud’s sisters’
Soaring in blue shining light…
My head bent over backwards,
I lie in the open car,
Buzzing, carried in flight
Towards tomorrow, fleeing yesterday…
We are like birds who gaily
Fly from destination to destination.
We love the play of the wind
Around [our] sun-glowed cheeks.
And we have only one wish:
Onward!
As in a dancing round,
Fast-moving pictures pass by,
In a colorful change and eternally new
With kind hands, in overwhelming waste,
The day presents us as our own
The whole world.
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Page 49
Die Sonne malt mit königlicher Geste
Die Bauernhäuser, daß wie strahlende Paläste
Sie sich erheben aus dem blauen Horizont.
Die Dächer schimmern silberfarben,
Und Fenster blitzen Diamantengarben,
Das gelbe Stroh liegt, golden übersonnt,
An feurig purpurglüh’nden Ställen,
Vor deren Stufen samt’ne Tücher schwellen
Aus sanftem Wiesengrün hin in die braune Glut
Der Erde, warm und tief und gut.
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The sun paints with a royal gesture
The farmhouses, that, like shining palaces
Rise from the blue horizon.
The roofs shimmer in silver
And windows twinkle like sheaves of diamonds,
The yellow straw lies covered in gold,
In fiery purple–glowing stables,
Velvet cloths swell out in front of the steps
From soft meadow green to the brown glow
Of the earth, warm and deep and good.
[Here is an alternative version of the above poem:]
Die Sonne schenkt zum abendlichen Feste
Den Bauernhäusern Glanz –– dass sie sich wie Paläste
Erheben aus dem Horizont.
Die Dächer schmimmern silberfarben,
Die Fenster blitzen Diamantengarben,
Das gelbe Stroh liegt golden übersonnt.
Und aus vor des Stalles Purporrot
Die Wiese in smaragd’nem Feuer loht.
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Des Kirschbaum’s zart gesponnenes Geäst
Hat ros’ge Blütenschleier über sich gezogen,
Die Dogwoods strecken ihrer Zweige anmutvolle Bogen
Zwischen den dunklen Tannen aus,
Als wären tausend Falter dort herabgeflogen
Und hingen da, so wie in schwankem Nest,
Mit stillen, weißen, starren Schwingen.
Wie süßfer Duft verborgener Syringen
Durchströmt’s die warme Sommerluft.
Ein Blumenteppich liegt in bunter Pracht
Auf halb zertret’nen Stufen prunkvoll hingebreitet,
Die aufwärts führen, wo der Weg sich weitet
Und sich verliert in dunkle Waldesnacht.
Ich glaube, abends kommt wohl Pan herabgestiegen,
Sitzt dort auf jenem graubemoosten Stein,
Bläst tief versonnen seine Melodien –
Und seine grünen Augen lächeln tief verschwiegen…
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The cherry tree’s delicately spun branches
Has drawn a pink veil of flowers over it,
The Dogwoods stretch their branches gracefully arching
Between the dark fir trees,
As if a thousand butterflies had flown down
And hung there like in a swaying nest
With silent, white, motionless wings.
Like the sweet smell of hidden lilac
The warm summer air flows through.
A carpet of flowers lies in colorful splendor
Ornately spread out on lightly–trodden steps,
That lead up to where the path widens
And looses itself in the dark forest night.
I think Pan will come down in the evening,
Sitting there on that gray mossy stone,
Deeply pensively piping his melodies –
And his green eyes smile deeply in secret …
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Die Berge steh’n wie blaue Schatten
Am Horizont – fern, schemenhaft und zart.
Die Wüste schweigt, heiß und erstarrt.
In violetten Tönen, feinen, matten,
Sind Blumenteppiche in’s Weiß gemalt…
Zerriss’ne Dornenbüsche haben Blütendecken,
Und die gespenstischen Kakteen,
Die ihre Stachelarme aufwärts recken,
Von Sonne glühend überstrahlt,
Blitzen mit scharfen, glatten,
Silbernen Pfeilen, nadelhart.
Es ist so still, nichts regt sich weit und breit,
Die Erde ist so fern, so tief versunken,
Und weltverloren, sonnetrunken,
Bin ich allein in diamant’ner Ewigkeit.
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The mountains stand like blue shadows
On the horizon – distant, shadowy and delicate.
The desert is silent, hot and petrified.
In violet tones, delicate, faint,
Are flower carpets painted in white …
Shredded thorn bushes have flower quilts,
And the ghostly cacti,
Which stretch their barbed arms upwards,
Their glowing, outshone by the sun,
Flash with sharp, smooth,
Silver arrows, needle–hard.
It’s so quiet, nothing moves far and wide,
The earth is so remote, so deeply sunk,
And lost to the world, drunk with the sun,
I am alone in diamond–like eternity.
Page 55
Mißtönend schrillt es durch der Straßen Melodie,
Die uns so leicht und froh umklingt
Und hell aus hundert Kehlen singt–
Wie dunkles Blut tropft es auf der Palette
Heiter erglüh’ndes Farbenspiel:
Zu düstrem, grauenhaften Ziel
Schwankt eine Kette
Belad’ner Wagen … Tiertransport…
Aus eines Hofes sich’rem Port,
Aus grüner Wiesen duftendem Gelände,
Treibt man, in Wagen hoch beladen,
Sie einem martervollen, dunklen Ende
Entgegen, und der Weg ist ohne Gnaden …
Das ist der Welt unfaßbarer, brutaler Lauf:
Der Starke frießt den Schwachen auf
In gier’gem Tötenwollen, immer ungestillt…
Indes Natur, in königlichem Walten,
Das Grauen dieser Erde in die Falten
Des Sternenmantels ew’ger Schönheit hüllt…
************************
[A second translation follows:]
There is a dissonant shrill through the street’s melody
Which surrounds us with a light and gay sound,
Singing brightly from a hundred throats –
Like dark blood dropping on the palette
A gaily glowing play of colors:
Towards a gloomy, horrid destination
A chain is swaying
A loaded truck … Animal transport …
From the friendly, safe port of a yard,
From the fragrant countryside of green meadows
They get driven in a truck, loaded high,
Towards an excruciating, dark end.
And this path is without mercy …
This is the incomprehensible, brutal course of the world:
The strong devour the weak
In greedy desire to kill, always unquenched …
Meantime, with royal rule,
Nature wraps the horrors of this earth into the folds
Of the starry coat’s eternal beauty…
*********************************************
[Second translation:]
Jarring sound shrills through the melody of the street,
That resounds around us so easily and happily
And sings brightly from a hundred throats–
That drip like dark blood on the palette
Of a brightly glowing play of colors:
To a gloomy, grim goal
A chain sways
Loaded wagon … animal transport …
From a courtyard safe port,
From green meadows with scented terrain,
If one drifts, loaded in wagons,
A torturous, dark ending
Onward towards, and the way is without mercy …
This is the world’s incomprehensible, brutal course:
The strong eats up the weak
In greedily wanting to kill, always unsatisfied …
Meanwhile nature, in regal reign,
The horror of this earth, in the folds
Of the star’s cloak of eternal beauty, envelops …
Pages 57 (and 59)
I
Die jungen Mädchen gingen aus
Heut’ Nacht zum Ball.
Es schallte durch das Haus
Ihr Lachen, Scherz und Widerhall.
Drei Frauen saßen bei der Lampe Schein
Und lächelten und nickten
Den Kindern zu, den hold entzückten.
Die Handarbeit… Ein Buch… Halbfert’ge Malerei’n …
Ein langes, langes Stillesein,
Nachdem die Jungen fortgefahren…
“Ach, könnte ich von meinen Jahren
Doch soviel streichen,
Daß ich wär’ wie sie,”
Sagte die eine, “und so klug sein wie
Ich heute bin! Wie wollt’ ich wahren
Der Jugend viel zu kurzes Glück!”
“Denk’ ich zurück,”
Sagte die andere gedankenschwer,
“Wie hart mein Weg war, und wie sehr
Enttäuschung folgte manchem Traum,
So hab’ ich kein Verlangen,
Von Neuem anzufangen.”
[A translation of this and the following poem can be found below.]
II (Page 59)
“Ich glaube kaum,”
Sagte die Dritte tief versonnen,
“Daß ich als junger Mensch
Soviel gewonnen,
Soviel genossen hab’ als jetzt in dem Erkennen,
Daß es ein schöneres Entbrennen,
Als das der Liebe gibt…
Und jung sein, heißt verliebt sein…
Jedenfalls für mich…
Heut’ scheint mir beinah lächerlich
Die sel’ge Lust, der heiße Schmerz,
Das Fieber, das zerriss’ne Herz…
Es ist ein Kranksein,
Dieses Beglücktsein, dieses Bangsein…
Das reife Alter wendet sich
Zu geist’gen Dingen,
Die schönere Entzückung bringen.”
Sie saßen still und schwiegen
Die Drei.
Es tickte laut die Uhr
Den schnellen Lauf der Zeit,
Der seine Spur
Den Dreien ins Gesicht geschrieben …
*********************************
Pages 57 & 59
Page 61
III
Leis’ rührte die Erinnerung
Sie an. Sie waren wieder jung
In ihren wandernden Gedanken…
Ein Frühlingsabend… Und die schlanken
Kosenden Finger im offenen Haar…
Ein heißer Mund… Und wie süß das war,
Der jungen Schultern schöner Bogen
In ihrer Hand… Und in starke Arme gezogen…
Ach so jung, ach so dumm…
Die Drei sind ganz stumm.
Dann ist der Zauber gebrochen,
Und es wird vernünftig gesprochen,
Nicht mehr von damals,
Nein, von morgen, von heut’…
Und die Uhr
Tickt eilig die Zeit…
*************************
The memory touched you lightly.
You were young again
In her wandering mind …
A spring evening … And the slim
Fondeling fingers in loose hair …
A hot mouth … and how cute that was
The young shoulders’ beautiful arch
In her hand … And drawn into strong arms …
Oh so young, oh so stupid …
The three are completely mute.
Then the spell is broken
And one speaks sensibly
Not about the past,
No, about tomorrow, about today …
And the clock
Ticks quickly …
Page 63
Wie blaue Dome ragen Berge
In Nebelfernen himmelan.
Verdorrt liegt weit im Abendglühn
Prärie. Nur dann und wann
Ein spärlich Fleckchen Grün.
Steine… Geröll… Kakteen
Wie seltsam mißgestaltet’ stachelige Zwerge…
Wo sich Prärie in Wüstenland verliert
Und jählings stürzend, abwärtsführt
Streckt sich des mächt’gen Colorado
Trockener Stromeslauf.
Staub wirbelt auf…
Im Abendlicht
Naht sich gedrängt die Herde
Der frommen Schafe. Auf sonndurchglühter Erde
Flockigen Gewölkes dicht
Und weißgeballtes Staubgewirr…
Der junge Hirte in armsel’gem Kleid
Führt Weib und Kind auf seinem Eseltier
Durch tiefe Einsamkeit.
Ein stiller Friede liegt
Auf diesem Bild,
Wie aus dem heil’gen Buch geschnitten …
So kamen sie geritten:
Auf einem Esel, durch die wild
Und einsam unwirtlichen Weiten.
Siehe: Maria wiegt ihr Kind…
Und in des Hirten Schreiten
Klingt der Choral der Ewigkeiten.
******************************
Mountains rise like blue domes
In the distant mist, skyward.
In the distant glow of the evening lies the withered
Prairie. Only now and then
A sparse patch of green.
Stones … boulders … cacti
Like strangely misshapen prickly dwarfs …
Where prairie is looses itself in desert
And suddenly falling, leads downwards
The mighty Colorado stretches out
Dry river course.
Dust swirls up …
In the evening glow
The herd draws closer together
The pious sheep. On sun–drenched earth
Dense flaky clouds
And white clusters of dust …
The young shepherd in a poor clothes
Leads wife and child on his donkey
Through profound loneliness.
A quiet peace lies
On this picture,
As if cut from the holy book …
So they came ridden:
On a donkey, through the wild
And lonely inhospitable expanses.
See: Mary rocks her child …
And in the shepherd’s steps
Sounds the chorale of the ages.
Page 65
Hei, welch’ ein lust’ges Abenteuer!
Das nenn’ ich eine tolle Jagd!
Wie haben sie das Land geplagt,
Der gier’gen Krähen freche Scharen
Die eine böse Plage waren –
So hat der Magistrat gesagt…
Nun aber ist befohlen worden,
Die kecken Räuber zu ermorden.
Hei, welch’ ein wunderbares Feuer
Zucht aus zerkrachenden Granaten!
Der Krähenhorst ein Flammengrab!
Schwarz, flügelschlagend, stürzt herab
Was sonst in blauen Lüften schwebte,
Was atmete, was war, was lebte…
Zu Hundert’ schießen sie sie ab…
Zerfetzt, zerrissen, wund und weh
Liegen sie ausgestreckt im Schnee,
Die Opfer dieser Heldentaten…
Was noch nicht tot ist, macht ein wilder,
Jagdfroher Hieb auf immer schweigen.
Die Morgenzeitung bringt die Bilder.
Sie will uns recht anschaulich zeigen
Das Resultat der edlen Jagd…
Ein Mann ist da im Bild, der lacht,
Er lacht zu all’ der Todesnot–
Er lacht, weil ihm der Spaß gefällt…
Wo bist du, Schöpfer dieser Welt?
Wo bist du, Gott?
********************************
Hey, what a fun adventure!
That’s what I call a great hunt!
How did they torment the land,
The greedy crows’ cheeky flocks
Who were an evil nuisance –
So the magistrate said …
But now it has been ordered
To murder the bold robbers.
Hey, what a wonderful fire
Bred from crackling grenades!
The crow’s nest a grave in flames!
Black, flapping wings, falling down
What else was floating in blue skies,
What breathed, what was, what was alive …
Shoot them down by the hundreds …
Lacerated, torn, wounded and aching
They’re stretched out on the snow
The victims of these exploits …
What is not yet dead makes one wilder,
Happy hunter’s blow forever silent.
The morning paper brings us the pictures.
It wants to show us quite clearly
The result of the noble hunt …
There is a man in the picture who laughs,
He laughs at all of the distress
He laughs because he likes the fun …
Where are you, creator of this world?
Where are you God?
Page 67
Der Nebel weht wie fließendes Gewand
Über das weite, stille Land.
Die Bäume sind nur blasse Schatten,
Hinsinkend in die grauen Matten.
Im Osten dort das ros’ge Licht
Ist wohl das leuchtende Gesicht
Des Engels, der mit leisen Tritten
Ist durch die Dämmerung geschritten
In seiner Nebelschleier Wallen,
Die von den Silberschultern fallen.
Zur Sonne auf er schwebend steigt,
Die sich aus gold’nem Fenster neigt.
Bald werden ihre warmen Strahlen
Die grauen Schleier leuchtend malen
In bunten Farben tausendfach.
Bald kommt der Tag.
*****************************
The mist blows like flowing robes
Across the wide, quiet land.
The trees are just pale shadows,
Sinking down on the gray meadows.
In the east the rosy light
Is probably the shining face
Of the angel who softly treads
Through the twilight
In its veil of mist,
That falls from the silver shoulders.
To the sun it rises soaring,
Leaning out of a golden window.
Soon their warm rays will
Paint the gray veils brightly
Thousands of times in bright colors.
The day will come soon.
Page 69
Im off’nen Wagen fahren wir
Dem strahlenden Mai entgegen –
Wie liegt auf uns’ren Wegen
Schon warmer Sonnensegen!
Es spielt in den wehenden Haaren mir
Der Wind, der frühlingsentzückte,
Und Wolken, sonnenbeglückte,
Ziehen dem Tag entgegen,
Wie wir, so ziellos, so frei!
An Straßen, weiten, schwingenden,
Im Lied der Maschine, der singenden,
Jagen die Bäume vorbei,
Die weiten, stillen Wälder,
Die sprossenden, erdbraunen Felder,
Manch’ Garten, tief und verträumt.
Und alles wartet, und alles keimt
In Knospen, heimlich lebenden,
In Blättern, leise bebenden,
Dem Mai entgegen, dem Mai!
Und wir inmitten, wir zwei,
Im blitzenden, sausenden Wagen,
Dem Mai entgegengetragen,
Dem blühenden, strahlenden Mai!
[Written on stationery of the Grove Park Inn, Asheville, N.C.]
********************************************
Page 71
I
Narzissus
(Auf ein Bild)
Nicht eines Rehes flücht’ge Spur
Hat er verfolgt. Denn Pfeil und Bogen
Ruh’n wie ein zärtlich’ Lautenspiel
In seiner Hand.
Auch hat ihn nicht der Wald, so still und kühl
In grünes Dämmerlicht gezogen.
Kein Abenteuer lockte ihn, kein Liebesschwur…
Mit schnellem Schritt trieb ihn geheimes Wissen
Zum Brunnen, dort im Schatten –
Nur ihm bekannt…
Wie spiegelklar sind seine glatten
Glasstillen Wasser! Auf des Brunnens Rand
Ist Narziß jählings hingesunken –
In heimlichem Genießen,
Schöheit–trunken
Betrachtet er das Bild
Aufschimmernd aus den Wassern, hold erlesen,
In makelloser Lichtgestalt…
Narziß erbebt.
Bezwingende Gewalt
Treibt ihn zu diesem Spiegelwesen…
*****************************************************
Not a deer’s fleeing trail
Has he followed. Still bow and arrow
Rest like a tender lute
In his hands.
The forest also stays so calm and cool
Drawn into green twilight.
No adventure attracted him, no oath of love …
Secret knowledge drove him quickly
To the spring, there in the shade –
Known only to him …
How crystal clear his tranquil
Water is, as still as glass! On the edge of the spring
If Narcissus suddenly sinks down –
In secret enjoyment
Beauty–drunk
He looks at the image
Shimmering in the water, gracefully discerning,
In flawless light …
Narcissus trembles.
Overwhelming power
Drives him to this mirror’s being …
Page 73
II
Und heiß und wild
Fühlt er sein Blut, das in den Adern loht
Wie Feuer… Und er spricht
Berauscht in tragischer Verwirrung
Zu seinem eig’nen Angesicht:
“Du bist vollendet Schönstes ..
Du bist ich…
O du, der Götter grausam fürchterliche Irrung –
Ich liebe dich…”
Der Wald steht dunkel und in Schweigen.
Der Wind schläft in den stillen Zweigen.
Narzissus weint…
******************************
And hot and wild
He feels his blood blazing in his veins
Like fire … And he speaks
Intoxicated in tragic confusion
To his own face:
“You are perfectly the most beautiful ..
You are me…
O you, the gods’ cruel, terrifying fallacy –
I love you…”
The forest stands dark and silent.
The wind sleeps in the silent branches.
Narcissus weeps …
Page 75
Sag’ mir: wofür der Schönheit Glanz,
Wofür der Rausch der Farben?
Wofür der Regenbogentanz
In bunten Strahlengarben?
Die Seelen, die in diesen Wesen leben,
Erscheinen tot mir. Trunkenheit
Kann niemals selig den durchbeben,
Ihn hebend über Raum und Zeit,
Den nur Verstand regiert.
Mir schaudert hier in dieser Eisregion,
In die sich niemals je verirrt
Die süße Torheit: Illusion!
*****************************
Tell me: why beauty shines,
What is the rush of colors for?
What is the rainbow dance for
In bright beams?
The souls that live in these entities,
Appear dead to me. Drunkenness
Can never tremble tipsily,
Lifting it above space and time,
Only reason rules.
I shudder here in this icy region
In which never, ever strays
The sweet folly: illusion!
Page 77
I
Einsam auf schwarzem Thron saß er,
In dunkler Schönheit: Lucifer,
Der Engel, einst von Gott verstoßen,
Gefallen in die gnadenlosen,
Grundlosen Tiefen seines Hasses.
Sein blasses,
Von schwarzem Haar umrahmtes Angesicht
Strahlte im grünen Licht
Der Augen, die wie träumerisch verschliefen
In samtnen Tiefen
Die Gegenwart.
Zart schwebte wie ein Silberschatten
Erinnerung in matten,
Verweh’nden Spuren um die schwere,
Gesenkte Stirn, wo der hehre
Leuchtende Blick des Herrn im Segen
Einst lag. Doch verwegen
Wollte er herrschen, der doch dienen sollte.
Es grollte
In seiner Stirn der Haß, geboren
Aus glühendem Besiegenwollen …
****************************
In dark beauty: Lucifer,
The angel, once cast out by God,
Fallen in the merciless,
Groundless depths of his hatred.
His pale face
Framed by black hair
Shone in the green light
Of the eyes, that slept dreamily
In velvety depths
The present.
Delicately floated like a silver shadow
Memory in matting,
Traces of the heavy,
Lowered forehead where the noble
Shining gaze of the Lord in blessing
Once lay. But daring
His need to rule, who was supposed to serve.
It growled
Hatred born in his forehead
From an ardent desire to conquer …
Page 79
II
Verloren
Im tollen
Wild aufrührerischem Hohne
Streckt’ er die Hände nach der Krone
Des Herrn…Er wollte wagen,
Die Strahlenvolle selbst zu tragen. –
Stürzend jäh aus Paradieses Hallen
Erkannte er im Abwärtsfallen,
Daß für ihn kein Ende sei..
Und sein Racheschrei
Türmte sich zu schwarzen Bogen.
Hingezogen
In die Tiefen baute sich sein Haß
Ein Asyl.
Und Lucifer
Ward Satanas.
**************************
Lost
In cavorting
Wildly seditious scorn
He stretches his hands towards the crown
Of the Lord … he would dare
To carry the radiance himself. –
Suddenly falling from the halls of Paradise
He recognized in his fall
That there was no end for him …
And his vengeance
Towered in black arcs.
Attracted
His hatred built itself into the depths
An asylum.
And Lucifer
Became Satan.
Page 81
Vergessen gibt,
Ich glaube, eines Engels Hand.
Denn abgewandt
Sind wir von dem, was einst gewesen.
Genesen von vielen Menschenleben
Müssen, im Aufwärtsstreben,
Auf’s Neu’ und Aberneue wir ersteh’n
Bis wir verwehn
In jenem Morgenrot,
Das golden in mein Fenster loht.
Im Wind ’96 im Meereswogen –
Im Sternenstrahl – im Regenbogen –
In Lächeln Gottes, das du leuchten siehst,
Wenn Abendgold im Meer zerfließt.
*********************************
Oblivion offers,
I believe, an angel’s hand.
For turned away
Are we not of, what once was?
Recovered from many human lives
Must, in striving upwards,
For the new and the almost new, we rise
Until we are blown away
In that dawn,
The gold blazing in my window.
In the wind – in the ocean waves –
In the star beams – in the rainbow –
In the smile of God that you see shine
When evening gold melts away in the sea.
Page 83
Die Planeten, aus Gluten zerronnen,
Neu in sich selbst geformte Welten –
Sollt’ das nicht gelten
Mehr als ein Buch? Des Menschen Geist
Der immer wieder aufwärts weist
In das so seltsam Unbekannte, will
Nie sagen: nun bin ich am Ziel!
Er forscht und strebt –
Sein Wunsch entschwebt
Dem engen Erdenband.
Doch niemand fand
Die Lösung dieses ewig rätselvollen
Problems. Die Menschen SOLLEN
nicht WISSEN.
Sie sollen träumen, ahnen …
Und so verschließen
Sich Sternenbahnen.
[Added:]
Entgleiten
Will uns das Wissen. Wir müssen
Erlernen,
Auf Sternen
Heimisch zu werden.
Auf Erden
Liegt nur begraben,
Was wir erlebt, erlitten haben.
Es schwindet die Zeit –
Und weit
Öffnen sich schimmernd im Strahlenschein
Die blauen Pforten
Der Ewigkeit.
****************************
The planets melted from gluten,
Newly formed worlds –
Shouldn’t that apply
More than a book? The spirit of man
That always points upwards
Into the strangely unknown, will
Never say: now I have reached my goal!
He probes and strives –
His wish disappears
The narrow bond of earth.
But nobody found
The solution to this eternally puzzling
Problem. People SHOULD
do not KNOW.
You should dream, suspect …
And so seal off
Star paths.
Page 85
Nun weitet sich machtvoll dem erstaunten Geist
Was Ewig–Anfanglos und Ewig–Endlos heißt.
Die Erde sinkt,
Ertrinkt
In weißer Wolken wehenden,
Zerfließenden, vergehenden
Schliergebilden.
Die wilden,
Weglosen Riesen
Der Berge,
Die himmelwärts wiesen,
Werden nun Zwerge –
Zerschmiegend in Fläche.
Die Meere, rauschend im Sturm, wogend im Wind,
Sind artige Bäche–
Bis alles zerrinnt.
*******************************
Now the astonished spirit expands powerfully
Which means Eternal Beginning and Eternal Infinity.
The earth is sinking,
Drowns
In white clouds waving,
Dissolving, passing away in
Streaked formations.
The wild,
Trackless giants
The mountains,
That pointed skyward,
Are now dwarfs –
Smashed into flat expanse.
The seas, sweeping in the storm, surging in the wind,
Are like brooks–
Until everything fades away.
Page 87
Entgleiten
Will uns das Wissen. Wir müssen
Erlernen,
Auf Sternen
Heimisch zu werden.
Auf Erden
Liegt nur begraben,
Was wir erlebt, erlitten haben.
Es schwindet die Zeit –
Und weit
Öffnen sich schimmernd im Strahlenschein
Die blauen Pforten
Der Ewigkeit.
*******************************
Slipping away
Wants us to know. We must
Learn,
To become familiar
With the stars.
On earth
Lies just buried,
What we have experienced, suffered.
Time is fading –
And vast
Shimmering in the light of the rays
Open the blue gates
Of eternity.
Page 89
Die Zeit ist nur ein leeres Wort
Dort,
Wo nun deine Heimat ist.
Sieh, du vergißt,
Daß du nun in den Ewigkeiten
Erlernen mußt, daß Zeiten
Hier ohne Maß – ohn’ Anfang und ohn’ Ende sind.
Im Wind
Verweht
Das Weltenall.
Ein Fall
Von Sternen sind stürzende Erden…
Doch neues Werden
Atmet der ewig erzeugende Wille.
[Added:]
Wunderbar
Führt dich Vergessen in Erkennens Klarheit,
Auf in die grosse, ew’ge Wahrheit,
Auf zu Nirvanas Strahlenhallen.
Im Weiterwallen
Durch tausend Erdenjahre
Die du erkoren,
Erfahre:
Unverloren
Ist Leid und Glück –
Unsterblich, was einst war –
Und wunderbar
Umgibt dich alles, was gewesen:
Klang – Wort – und Wesen.
[Added:]
Sag’ mir: wo für der Schönheit Glanz,
Wofür der Rausch der Farben?
Wofür der Regenbogentanz’In bunten Strahlengarben?
Die Seelen, die in diesen Wesen leben,
Erscheinen tot mir. Trunkenheit
Kann niemals selig den durchbeben,
Ihn hebend über Raum und Zeit,
Den nur Verstand regiert.
Mir schaudert hier in dieser Eisregion,
In die sich niemals je verirrt
Die süsse Torheit: Illusion!
*****************************
Time is just an empty word
There,
Where your home is now.
See you forget,
That you are now in eternity
Must learn, that time
Has no dimension here – without beginning and without end.
Wind
Obliterates
The universe.
A case
Of falling earths made of stars …
But new becoming
Breathes the eternally generating will.
Page 91
Du kannst gewiß sein: in den Händen
Des ewig rächenden Geschicks
Wird dir einmal das Maß des Glücks
Und ebenso das Maß der Qual
Gerecht gewägt. “Es war einmal”
Ist nur ein irdisches, gedankenleeres,
Verspieltes Wort.
Denn alles, was gewesen,
Lebt fort,
Und Schweres
Wird tausendmal erschwert gemessen.
Kein Lachen, keine Träne ist vergessen.
[Two further strophes have been discovered and can be found in the PDF’s the page from UCSB’s Special Collections.]
***************************
You can be certain: in your hands
The eternal avenging fate
Will measure happiness one day
And so is the degree of agony
Fairly weighed. “There was once”
Is just an earthly, thoughtless,
Playful thought.
Because everything that has been
Lives on
And heavy things
Are measured a thousand times more difficult.
No laughter, no tear is forgotten.
Page 93
AN FRITZI
Wie ungewiß auch deiner Ahnen Reihe
Dein nobles Herz gab dir die Weihe
Aristokratischen Geblüt’s.
Du warst ein Kämpfer – feurigen Gemüts –
Ein Abenteurer und ein Vagabund.
Du liebtet es aus tiefer Ende Grund
Geheimnisvollen Gängen nachzuspüren –
Versteckten, tagesscheuen Tieren –
Und wenn du heimkamst, hast du mitgebracht
Den Staub von mancher wilden Jagd…
Du bist nie eine Zier gewesen
Für den Salon… Nein, auserlesen
Warst du von Wolken und von Wind –
Der herrlichen Natur geliebtes, ungezähmtes Kind.
Der vielen Jahre Mühen und Beschwerden
Konnten den Körper wohl in Fesseln schlagen–
Doch nie das wilde Blut. So wie in Jugendtagen
Erhob sich grollend Kampfeslust in dir –
Und aufgerichtet, königliches Tier
Vernahmst du ferne Jagdfanfaren
So wie in schönen, jungen Jahren…
Ruh aus nun! Sonnenschein und Regen
Sind über dir im Abendsegen.
Und nächtens singt der Wind mit dunklem Mund
Dein Schlummerlied. Schlaf wohl, mein treuer Hund.
************************
Page 95
In flüchtigem Begeg’nen hab’ ich dich gesehen –
Auf einem Bahnhof– kalt – im Morgenlicht…
Wie eine Woge schäumend über Felsen bricht,
Stürzte Erinnerung in jähen,
Besiegenden Gewalten auf mich nieder
Und brachte alte Zeiten wieder…
Ist doch die Jugend mir entschwunden,
Als meinem Leben du abhanden kamst!
Mir ist, als ob du mit dir nahmst
Die frohe Torheit jener Stunden,
In denen Glück ein Abenteuer
Und Sonnenlicht uns schien wie Feuer…
Du kannst mein Wesen nicht erkennen
In einem Augenblick. Du suchst die Spur
Derselben Freundin, die du liebtest, nur –
Und weißt nicht, daß mich Welten trennen
Von jener, die du einst gekannt.
Wie habe ich mich weggewandt
Und bin neue Welten eingegangen!
Mein Leben kam zur Ruh’, mein Blut will schlafen,
Ich bin im Frieden, bin im Hafen…
Die Wildheit tief verstummt, gestillt das Lustverlangen,
Blicke ich lächelnd über’s weite Meer:
Mein Schiff will keinen Kampf und keine Stürme mehr…
27. II. 41
***************************************************
In a fleeting encounter I saw you –
At a train station – cold – in the morning light …
Like a foaming wave breaks over rocks,
Memory suddenly plunged
Conquering forces down on me
And brought back old times …
Really, youth has vanished from me
When you lost my life!
I feel like you’re taking with you
The joyful folly of those hours
Where happiness is an adventure
And sunlight seemed like fire to us …
You cannot recognize my being
In a moment. You are looking for the trace
The same friend you loved, only—
And do not know that worlds separate me
From those you once knew.
How did I turn away
And enter into new worlds!
My life came to rest, my blood wants to sleep,
I’m at peace, I’m in port …
The wildness falls silent, it quiets
Desire for pleasure,
I look out over the sea with a smile:
My ship doesn’t want to fight and no
More Storms…
Page 97
Gewiß: es ist das Wunder der Chemie
Das mir ein neues Leben in die Adern goß…
Mein Blut, das trüb und träge floß,
Pulst in erhöhtem Rhythmus, wie
In alten, halb vergess’nen Zeiten.
Es öffnen sich auf’s Neu’ die Weiten
Der trügerischen Fantasie –
Und aus dem kahlen Baum
Grünt neuer Sproß.
Doch mein Verstand, der nicht entzündet
Von sinnlos süßem, spielerischen Traum,
Sagt lächelnd: “Unbegründet
Ist dein Entzücken über die
Gewiß charmante Wandlung der Gefühle…
Vergiß nicht: diese deplacierte Schwüle
Ist nur Chemie!
Verzeih’ den Spott–
Jedoch du mußt verstanden haben,
Warum du einen jungen Gott
Nun siehst in diesem kaum passablen Knaben…”
Page 99
Erlosch’ner Sterne Glanz
Leuchtet aus alten Namen,
Die ich in lang vergessenen Programmen fand.
Echo aus erdenfernem Land,
Wohin wir gehen und von wo wir kamen …
Ein welker Lorbeerkranz,
Ein wehes Klangverwehen,
Ist alles, was geblieben
Von Gut und Haß und Lieben,
Von Ruhm und Sichverschwenden …
Es mußt’ in Asche enden,
Nur überlebt von den vergilbten Fetzen,
Die meine Tränen nun benetzen …
******************************
Certainly: it is the miracle of chemistry
That poured a new life into my veins …
My blood, which flowed dull and sluggishly,
Pulses with increased rhythm, like
In former, half–forgotten times.
The vastness opens up all over again
The deceptive imagination –
And from the bare tree
Grows new sprouts.
Yet my mind that does not ignite
Senselessly sweet, playful dreams,
Saying with a smile: “Unfounded
Is your delight in them
Certainly a charming change of feelings …
Don’t forget: this inappropriate sultriness
Is just chemistry!
Forgive the ridicule
But you must have understood
Why you, a young god
Now seen as this barely presentable boy … “
Page 101
Seltsam beglückend ist’s, zu denken
Daß es durch Wunderkraft gelingt,
Millionen singend mich zu schenken,
Zu denen meine Stimme dringt.
Dem Vogel gleich, auf schnellen Schwingen
Entschwebe ich der engen Welt –
Und weit von hier lauscht meinem Singen
Ein jeder, dem es wohl gefällt.
Es weitet sich der Saal, in dem ich stehe,
Zu grenzenlosem Himmelsraum –
Und jede Ferne wird zur Nähe –
Und Wirklichkeit ein alter Traum.
*********************************
Page 103
Die Melodie der lauten Nächte,
Lockt dich auf’s Neu’ in diese Stadt…
Du trinkst an ihrer Lust dich satt,
Genießest deiner Jugend freie Rechte.
Du bist des Augenblickes will’ge Beute,
Und dein Erleben ist der Sinne Spiel.
Du nimmst, was dir gefällt, und fragst nicht viel
Vom Morgen, lebst allein dem Heute
Des schnell vergess’nen Abenteuers…
Ich seh’ dich an – und fühle mich so kalt…
In meinem Herzen, tot und kalt.
Verweht die Asche eines letzten Feuers…
*******************************
The melody of the noisy nights,
Lures you again to this city …
You drink your fill of its pleasures,
Enjoy your youth’s free rights.
You are the prey of the moment,
And your experience is the game of the senses.
You take what you like and don’t ask a lot
Of tomorrow, living alone for today
Of the quickly forgotten adventure …
I look at you – and I feel so cold …
In my heart, dead and cold
The ashes of a last fire are blown away …
Page 105
Was für ein tragisches Gesicht!
Die Augen weinen Einsamkeiten,
Und dieser Mund sagt ohne Laut
Was tief in ihr verborgen spricht
Von sonnenüberstrahlten Weiten,
Indes sie frierend in das Dunkel schaut…
Sie schuf die schönen Frauenbilder,
Malte in Farbenleuchten Wesen, Atmen, Leben…
Und edle Tiere, deren wilder
Und ungezähmter Kraft sie Zügel schuf,
So daß in zitterndem Erbeben
Sie folgen ihres Willens Ruf. –
Sie aber ist so ganz allein
Inmitten dieser stummen Kreaturen.
Die Nacht ist nah im letzten Abendschein –
Das Meer rauscht ferne – und die Uhren
Der Zeit steh’n still und haben nichts zu sagen.
Von heute nichts und nichts von morgen –
Und nichts von neuen Tagen.
*****************************
What a tragic face!
The eyes weep for loneliness,
And this mouth says without a sound
That which speaks hidden deep within her
From sun–drenched expanses,
While she looks freezing into the dark …
She created the beautiful images of women,
Painted as beings, breathing, life in colored lights …
And noble animals, those wilder ones
And she created reins of untamed strength,
So that in trembling earthquakes
They obey her will. –
But she is so completely alone
In the midst of these mute creatures.
The night is near its last evening glow –
The sea murmers in the distance – and the clocks
Time stands still and has nothing to say.
Nothing of today and nothing of tomorrow –
And nothing of the new days.
Page 107
EINEM JUNGEN MÄDCHEN
Die Reue wartet irgendwo am Straßenrand
Und streckt die kalte Hand
Dir schon entgegen. Doch du siehst sie nicht.
Dein Angesicht
Ist unbeschwert …
Wie mich der Neid verzehrt
Daß du mich Kluge nicht verstehst
Und daß du töricht in dein Unglück gehst!
*******************************
TO A YOUNG GIRL
Regret waits somewhere along the side of the road
And stretches out a cold hand
Towards you already. But you don’t see it.
Your countenance
Is carefree …
How envy consumes me
When you don’t understand me, Clever One
And that you go foolishly into your misery!
Page 109
Wie seltsam wir das Bild der Ahnen tragen!
Es sehen mich aus meinem Spiegelbild
Die Mutteraugen, die in fernen Tagen
Das Laben mir mit Licht erfüllt,
Oft sinnend an.
Und dann und wann
Hör’ ich mein Lachen, so wie Vater lachte,
Wenn seine Sorge rasch zerrann,
Die wohl die Nacht ihm schlaflos machte.
Und jüngst dem Wellenspiel des Ozeans entstiegen,
Sah ich vor mir im weißen Sand
Dem Schatten langgestreckt und dunkel liegen,
Den Schatten einer Frau, die ich als Kind gekannt:
Die Mutter meines Vaters warf in meinem Schatten
Sich schwarz in meinen weißen Weg,
Und die Vergessene lag da, ein Steg
Der aus den Wellen hinführt in die glatten
Schützenden Mauern, wo die Herde freundlich wärmend brennen…
Ich aber zitterte in staunendem Erkennen.
*********************************
Page 111
Ich stehe an des Abends Schwelle.
Wie einen Mantel, sanft und schön,
Fühle ich seine zarten Schatten
Sich lind um meine wegematten,
Tagmüden Glieder legen –
Um meine Stirne aber
Leuchtet noch der Sonne Helle.
Der Tag, der glühend auf den Wegen
Den tollen Reigen tanzte, sinkt ermüdet
In tief’res Blau, und hold befriedet
Ruh’n meine Hände
Und warten
Auf des Tages Wende.
*************************************
I stand at the threshold of the evening.
Like a cloak, gentle and beautiful,
I feel its delicate shadow
Lean around my path mats,
To lay day–weary limbs –
Around my forehead, really
The sun still shines brightly.
The day glowing on the paths
The great round has danced, sinks tired
In deep blue, and gently pacified
Lets my hands rest
And wait
Until the return of the day.
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Fallender Sterne jäh versprühende,
Sausende Pfeile! Wieviel glühende
Brennende Wünsche hatt’ ich zu sagen
Einst in versunk’nen, jungen Tagen!
Aberglaubend hold befangen
Rief ich sehnendes Verlangen
Euren Flammenbahnen zu.
Nun hat sich die schöne Ruh’
Über mich so lind ergossen,
Und mein Herz ist kühl umflossen
Wie von weißem Mondenschein
In wunderbarem Stillesein.
**************************
Falling stars suddenly spraying,
Buzzing arrows! How much glowing
Burning wishes I had to say
Once in sunken, young days!
Superstitiously shy
I cried longingly awkward
Toward your flame.
Now the beautiful calm
Poured over me so gently
And cooly flows around my heart
Like white moonlight
In wonderful silence.
Page 115
Der Sturm, in jähem Sausen,
Hat sich herabgeschwungen,
Ist in der Brandung Brausen
Lachend an’s Land gesprungen.
Er hat die ganze Nacht
Sein tolles Lied gesungen…
Aus frommem Traum erwacht,
Hab ich dem wilden Jungen
Gelauscht, von Lust durchglüht.
Am Morgen war alles verklungen
Der Sturm – der Knabe – das Lied.
********************************
[This poem has two English translations.]
The storm, in abrupt whistling,
Has swung downward,
Has laughingly jumped ashore
In the roar of the surf…
All night he has sung
His furious song…
Awakened from an innocent dream,
I have listened to the wild boy,
Glowing with joy,
In the morning all had faded away;
The storm – the boy – the song.
**************************
[Translation #2]
The storm, with a sudden rush,
Has swung down,
Is roaring in the surf
Jumping ashore laughing.
He has all night
To sing his great song …
Awakened from a pious dream,
I listened to the wild youngster
Glowing with pleasure.
In the morning everything had faded away
The storm – the boy – the song.
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Der Mutter Stimme dunkles Gold
Klinkt mir aus fernen Kindertagen.
Sie konnte singend Schönstes sagen –
Und – unbewußt und ungewollt –
Uns aus des Alltags Dämmer tragen.
Der Mutter Stimme, stückzerbroch’nes Glas –
So hörte ich die Greisin singen–
Ein zitternd’ Suchen nach verstummtem Klingen, (or Tasten nach…)
Und sah die Augen, tränennaß.
Die eig’ne Stimme, glutdurchbrannt,
Klingt mir as langen Lebensjahren
Von bunten Ufern, wunderbaren,
Fern meinem weißen, stillen Strand. (or: weissen Strand.)
Die eig’ne Stimme, stückzerbroch’nes Glas –
Läßt mich der Mutter Traurigkeit ermessen:
Aus ihren Tränen, unvergessen,
Steigt in die Augen mir das heiße Naß
Um jenen Schatz, den sie und ich besessen.
***************************************
Page 119
Und Sterne sinken, flammend im Verweh’n,
Ihn’s blaue, tief verströmte Schweigen.
In ihrer Spur, in ew’gem Reigen,
Die neuen strahlend aufersteh’n.
Und Menschen zeigen
Zum Himmel auf, jählings entbrannt
In neuem, süßesten Erkennen…
Gesegnet, die so leicht entbrennen!
Gesegnet der, dem Gestern abgewandt,
Dem Heute glückbereit entgegenzittert,
In der Fallende zersplittert
In unabwendbarem Entgleiten
An dem Gesetz der Ewigkeiten.
**********************************
[A second English translation may be found below:]
And stars are sinking, flaming as they scatter
Into the blue, deeply fleeting silence.
In its trace, in an eternal round,
The new ones radiantly rise up,
And people are pointing up towards the sky, abruptly kindled
In new, sweetest cognition…
Blessed are those who so easily become enflamed!
Blessed is he who turns away from yesterday,
Trembles towards today, prepared for happiness –––
Meantime the falling one splinters [to pieces]
In the unavoidable slipping away
By the law of eternities.
************************************
[Translation #2:]
And stars sink, carried away in the wind,
Into its blue, deeply emanated silence.
In their traces, in eternal dance,
The new ones resurrected radiantly.
And show people
Heavenward, suddenly flaring up
In a new, sweet identity …
Blessed are they who so easily flame!
Blessed is he who turned away from yesterday
Trembling happily towards today,
In the splintered falling
In the inevitable slipping away
By the law of eternity.
Page 121
In alten Partituren hab’ ich heut’ gelesen–
Und das Vergang’ne stürzte jäh mir in das Heut’…
O bunte Schönheit, die einst mein gewesen…
O lebensschicksalhaft erneut
In fliehender, der Welt entrückter Zeit!
Die Wonne des Verwandelns–wer kann sie ermessen,
Der nur EIN Leben lebt, begrenzt durch Wirklichkeit?
Der niemals kennt das süße Selbstvergessen,
Dies Sichverschwenden an die Zeit,
In der das Ich sich löst im Singen,
Liebend und leidend–schwebend wie auf Schwingen
In fremdem, seltsam eigenem Geschick–
Schwebend auf Schwingen der Musik!
******************************
Selected poems from the 1969 Gedichte without translations.
I
O du phantastisch schöne Nacht!
Des Mondes breite Silberbahn
Schien Weg und Ziel…
Und unser Schiff ein stiller Schwan,
Durch schwarze Seide hingetragen …
Weiß, leuchtend, kühl
In tiefer Himmelsferne
Das Silberlicht
Der Sterne…
Ich lag am Deck, und mein Gesicht
War reglos aufgeschlagen …
Würden in sausendem Gleiten
Funken fallen ins Dunkel hinein?
Wie wollt’ ich meine Hände breiten,
Ganz ohne Staunen:
Dies ist die Stunde, da Feen schreiten
Und Märchen raunen…
Ein Märchen scheint es, daß wir gleiten
Zwischen den Welten und Ozeanen…
Vielleicht war alles ein Traum:
Brausender Flug in endlosen Bahnen
Über die purpurglühende Wüste –
Um uns Wolken, wie Schnee und Schaum –
Colombo’s bunte, schimmernde Küste –
Der Buddhapriester im Goldgewand –
Und nackte Menschen auf heißen Feldern –
II
Ach, und der süße, berauschende Duft,
Der über den Dörfern lag –
Schwer von Blüten die schwüle Luft,
Von Cocosöl und betäubendem Tee-
Und die weiße, strahlend helle Moschee –
Ferne in den australischen Wäldern
An einem hellen Sonnentag
Der seltsame Vogel, tanzend und singend –
Tasmania’s tief schimmernde Goldzypressen-
Schmetterlinge, um Blumen schwingend
Mit leuchtenden Flügeln –
Der rosige Schein auf jenen Hügeln –
Und diese Weiten, unermessen,
Durch die wir schweben
Heimatentgegen in weißem Licht –
War es ein Traum? War es Erleben?
Ich weiß es nicht…
Wir fahren uns’re regennasse Straße
Auf die das Silberlicht ein mattes Schimmern haucht.
Die Ferne ist verlöscht. Das blasse,
Unheimliche Gebild’, das aus dem Nebel taucht,
Formt sich zum Baum. Und hier, gewoben
Aus grauem Florgespinst, ein schlicht
Und friedvoll’ Haus, emporgehoben
Gespensterhaft, so wie ein drohend’ Nachtgesicht.
Durch Regen fahrend, grüßt mein Herz die Ferne,
Wo über Wolken wir gelebt –
Da wo aus tiefem Glanz der Sterne
Die ew’ge Sonne strahlend sich erhebt…
Wie lieb’ ich diese klare Stunde,
Die zwischen Tag und Abend liegt,
In der die Berge in den Horizont gefügt
Sind wie geschliff’ne, gläserne Paläste.
Und um die zarten Silberäste
Der jungen Bäume schimmert Sonnenlicht,
Das goldverblassend dort vergeht,
Wo erster violetter Schatten weht.
Wie lieb’ ich dieser Stunde reine Helle,
Die zwischen Tag und Abend steht!
Kristall’nes Tor, leuchtende Schwelle,
Die sanft den Tagesmüden führen will
Hin in den Abend, tief und sternenstill!
Und immer wieder holdestes Erstaunen
Wenn ich, des Nachts aufblickend,
Im sanften Blau die Sterne seh’…
Im Tal des Windes Raunen,
Der wundersam erquickend,
Hier auf des Berges Höh’
Mit weiten, kühlen Schwingen
Um meine Stirne streicht…
Es ist so still, die Erde schweigt,
Nur Grillen singen.
Jedoch ihr Lied klingt mir aus Fernen,
Denen ich längst entwich.
Ich träume, daß ich lang’ verblich
Und schwebe zwischen Sternen…
Nach stürmischem Gewitterregen,
Jäh’ zerreißend
Erstickender Betäubung dumpfe Schwüle,
Die lähmend auf dem Lande lag,
Strahlt heut’ ein lichter Sonnentag.
Doch in der Luft steht noch des Sturmes Kühle.
Die gold’nen Strahlen liegen gleißend
Auf regennassen Wegen,
Und über Wald und Wiesen flammt ein neuer,
Smaragd’ner Schein wie zarte Flammengarben:
Der Frühling kam im Sturm und brennt in tausend Farben
Sein grünes, buntes Freudenfeuer.
Wir sind der Wolken Schwestern,
Schwebend in blauem Geleucht’…
Den Kopf hintüber gebeugt
Lieg’ ich im offenen Wagen,
Sausend, fliegend getragen,
Entgegen dem Morgen, entfliehend dem Gestern…
Wir sind wie Vögel, die heiter
Fiegen von Ziel zu Ziel.
Wir lieben des Windes Spiel
Um sonneglühende Wangen
Und haben nur ein Verlangen:
Weiter!
So wie in tanzendem Reigen
Ziehn jagende Bilder vorbei.
In buntem Wechsel und ewig neu
Gibt uns der Tag mit gütigen Händen
In überströmendem Verschwenden
Die ganze Welt zu eigen…
Die Sonne malt mit königlicher Geste
Die Bauernhäuser, daß wie strahlende Paläste
Sie sich erheben aus dem blauen Horizont.
Die Dächer schimmern silberfarben,
Und Fenster blitzen Diamantengarben,
Das gelbe Stroh liegt, golden übersonnt,
An feurig purpurglüh’nden Ställen,
Vor deren Stufen samt’ne Tücher schwellen
Aus sanftem Wiesengrün hin in die braune Glut
Der Erde, warm und tief und gut.
Die Berge steh’n wie blaue Schatten
Am Horizont – fern, schemenhaft und zart.
Die Wüste schweigt, heiß und erstarrt.
In violetten Tönen, feinen, matten,
Sind Blumenteppiche in’s Weiß gemalt…
Zerriss’ne Dornenbüsche haben Blütendecken,
Und die gespenstischen Kakteen,
Die ihre Stachelarme aufwärts recken,
Von Sonne glühend überstrahlt,
Blitzen mit scharfen, glatten,
Silbernen Pfeilen, nadelhart.
Es ist so still, nichts regt sich weit und breit,
Die Erde ist so fern, so tief versunken,
Und weltverloren, sonnetrunken,
Bin ich allein in diamant’ner Ewigkeit.
Mißtönend schrillt es durch der Straßen Melodie,
Die uns so leicht und froh umklingt
Und hell aus hundert Kehlen singt-
Wie dunkles Blut tropft es auf der Palette
Heiter erglüh’ndes Farbenspiel:
Zu düstrem, grauenhaften Ziel
Schwankt eine Kette
Belad’ner Wagen … Tiertransport…
Aus eines Hofes sich’rem Port,
Aus grüner Wiesen duftendem Gelände,
Treibt man, in Wagen hoch beladen,
Sie einem martervollen, dunklen Ende
Entgegen, und der Weg ist ohne Gnaden …
Das ist der Welt unfaßbarer, brutaler Lauf:
Der Starke frießt den Schwachen auf
In gier’gem Tötenwollen, immer ungestillt…
Indes Natur, in königlichem Walten,
Das Grauen dieser Erde in die Falten
Des Sternenmantels ew’ger Schönheit hüllt…
III
Leis’ rührte die Erinnerung
Sie an. Sie waren wieder jung
In ihren wandernden Gedanken…
Ein Frühlingsabend… Und die schlanken
Kosenden Finger im offenen Haar…
Ein heißer Mund… Und wie süß das war,
Der jungen Schultern schöner Bogen
In ihrer Hand… Und in starke Arme gezogen…
Ach so jung, ach so dumm…
Die Drei sind ganz stumm.
Dann ist der Zauber gebrochen,
Und es wird vernünftig gesprochen,
Nicht mehr von damals,
Nein, von morgen, von heut’…
Und die Uhr
Tickt eilig die Zeit…
Wie blaue Dome ragen Berge
In Nebelfernen himmelan.
Verdorrt liegt weit im Abendglühn
Prärie. Nur dann und wann
Ein spärlich Fleckchen Grün.
Steine… Geröll… Kakteen
Wie seltsam mißgestaltet’ stachelige Zwerge…
Wo sich Prärie in Wüstenland verliert
Und jählings stürzend, abwärtsführt
Streckt sich des mächt’gen Colorado
Trockener Stromeslauf.
Staub wirbelt auf…
Im Abendlicht
Naht sich gedrängt die Herde
Der frommen Schafe.
Auf sonndurchglühter Erde
Flockigen Gewölkes dicht
Und weißgeballtes Staubgewirr…
Der junge Hirte in armsel’gem Kleid
Führt Weib und Kind auf seinem Eseltier
Durch tiefe Einsamkeit.
Ein stiller Friede liegt
Auf diesem Bild,
Wie aus dem heil’gen Buch geschnitten …
So kamen sie geritten:
Auf einem Esel, durch die wild
Und einsam unwirtlichen Weiten.
Siehe: Maria wiegt ihr Kind…
Und in des Hirten Schreiten
Klingt der Choral der Ewigkeiten.
Hei, welch’ ein lust’ges Abenteuer!
Das nenn’ ih eine tolle Jagd!
Wie haben sie das Land geplagt,
Der gier’gen Krähen freche Scharen
Die eine böse Plage waren –
So hat der Magistrat gesagt…
Nun aber ist befohlen worden,
Die kecken Räuber zu ermorden.
Hei welch’ ein wunderbares Feuer
Zucht aus zerkrachenden Granaten!
Der Krähenhorst ein Flammengrab!
Schwarz, flügelschlagend, stürzt herab
Was sonst in blauen Lüften schwebte,
Was atmete, was war, was lebte…
Zu Hundert’ schießen sie sie ab…
Zerfetzt, zerrissen, wund und weh
Liegen sie ausgestreckt im Schnee,
Die Opfer dieser Heldentaten…
Was noch nicht tot ist, macht ein wilder,
Jeffrober Hieb auf immer schweigen.
Die Morgenzeitung bringt die Bilder.
Se will uns recht anschaulich zeigen
Das Resultat der edlen Jagd…
Ein Mann ist da im Bild, der lacht,
Er lacht zu all’ der Todesnot-
Er lacht, weil ihm der Spaß gefällt…
Wo bist du, Schöpfer dieser Welt?
Wie bist du, Gott?
Der Nebel weht wie fließendes Gewand
Über das weite, stille Land.
Die Bäume sind nur blasse Schatten,
Hinsinkend in die grauen Matten.
Im Osten dort das ros’ge Licht
Ist wohl das leuchtende Gesicht
Des Engels, der mit leisen Tritten
Ist durch die Dämmerung geschritten
In seiner Nebelschleier Wallen,
Die von den Silberschultern fallen.
Zur Sonne auf er schwebend steigt,
Die sich aus gold’nem Fenster neigt.
Bald werden ihre warmen Strahlen
Die grauen Schleier leuchtend malen
In bunten Farben tausendfach.
Bald kommt der Tag.
Im off’nen Wagen fahren wir
Dem strahlenden Mai entgegen –
Wie liegt auf uns’ren Wegen
Schon warmer Sonnensegen!
Es spielt in den wehenden Haaren mir
Der Wind, der frühlingsentzückte,
Und Wolken, sonnenbeglückte,
Ziehen dem Tag entgegen,
Wie wir, so ziellos, so frei!
An Straßen, weiten, schwingenden,
Im Lied der Maschine, der singenden,
Jagen die Bäume vorbei,
Die weiten, stillen Wälder,
Die sprossenden, erdbraunen Felder,
Manch’ Garten, tief und verträumt.
Und alles wartet, und alles keimt
In Knospen, heimlich lebenden,
In Blättern, leise bebenden,
Dem Mai entgegen, dem Mai!
Und wir inmitten, wir zwei,
Im blitzenden, sausenden Wagen,
Dem Mai entgegengetragen,
Dem blühenden, strahlenden Mai!
I
Narzissus
(Auf ein Bild)
Nicht eines Rehes flücht’ge Spur
Hat er verfolgt. Denn Pfeil und Bogen
Ruh’n wie ein zärtlich’ Lautenspiel
In seiner Hand.
Auch hat ihn nicht der Wald, so still und kühl
In grünes Dämmerlicht gezogen.
Kein Abenteuer lockte ihn, kein Liebesschwur…
Mit schnellem Schritt trieb ihn geheimes Wissen
Zum Brunnen, dort im Schatten –
Nur ihm bekannt …
Wie spiegelklar sind seine glatten
Glasstillen Wasser! Auf des Brunnens Rand
Ist Narziß jählings hingesunken –
In heimlichem Genießen,
Schönheit-trunken
Betrachtet er das Bild
Aufschimmernd aus den Wassern, hold erlesen,
In makelloser Lichtgestalt…
Narziß erbebt.
Bezwingende Gewalt
Treibt ihn zu diesem Spiegelwesen –
II
Und heiß und wild
Fühlt er sein Blut, das in den Adern loht
Wie Feuer… Und er spricht
Berauscht in tragischer Verwirrung
Zu seinem eig’nen Angesicht:
“Du bist vollendet Schönstes ..
Du bist ich…
O du, der Götter grausam fürchterliche Irrung –
Ich liebe dich…”
Der Wald steht dunkel und in Schweigen.
Der Wind schläft in den stillen Zweigen.
Narzissus weint…
Sag’ mir: wofür der Schönheit Glanz,
Wofür der Rausch der Farben?
Wofür der Regenbogentanz
In bunten Strahlengarben?
Die Seelen, die in diesen Wesen leben,
Erscheinen tot mir. Trunkenheit
Kann niemals selig den durchbeben,
Ihn hebend über Raum und Zeit,
Den nur Verstand regiert.
Mir schaudert hier in dieser Eisregion,
In die sich niemals je verirrt
Die süße Torheit: Illusion!
I
Einsam auf schwarzem Thron saß er,
In dunkler Schönheit: Lucifer,
Der Engel, einst von Gott verstoßen,
Gefallen in die gnadenlosen,
Grundlosen Tiefen seines Hasses.
Sein blasses,
Von schwarzem Haar umrahmtes Angesicht
Strahlte im grünen Licht
Der Augen, die wie träumerisch verschliefen
In samtnen Tiefen
Die Gegenwart.
Zart schwebte wie ein Silberschatten
Erinnerung in matten,
Verweh’nden Spuren um die schwere,
Gesenkte Stirn, wo der hehre
Leuchtende Blick des Herrn im Segen
Einst lag. Doch verwegen
Wollte er herrschen, der doch dienen sollte.
Es grollte
In seiner Stirn der Haß, geboren
Aus glühendem Besiegenwollen …
II
Verloren
Im tollen
Wild aufrührerischem Hohne
Streckt’ er die Hände nach der Krone
Des Herrn…Er wollte wagen,
Die Strahlenvolle selbst zu tragen. –
Stürzend jäh aus Paradieses Hallen
Erkannte er im Abwärtsfallen,
Daß für ihn kein Ende sei..
Und sein Racheschrei
Türmte sich zu schwarzen Bogen.
Hingezogen
In die Tiefen baute sich sein Haß
Ein Asyl.
Und Lucifer
Ward Satanas.
Vergessen gibt,
Ich glaube, eines Engels Hand.
Denn abgewandt
Sind wir von dem, was einst gewesen.
Genesen von vielen Menschenleben
Müssen, im Aufwärtsstreben,
Auf’s Neu’ und Aberneue wir ersteh’n
Bis wir verwehn
In jenem Morgenrot,
Das golden in mein Fenster loht.
Im Wind – im Meereswogen –
Im Sternenstrahl – im Regenbogen –
In Lächeln Gottes, das du leuchten siehst,
Wenn Abendgold im Meer zerfließt.
Die Planeten, aus Gluten zerronnen,
Neu in sich selbst geformte Welten –
Sollt’ das nicht gelten
Mehr als ein Buch? Des Menschen Geist
Der immer wieder aufwärts weist
In das so seltsam Unbekannte, will
Nie sagen: nun bin ich am Ziel!
Er forscht und strebt –
Sein Wunsch entschwebt
Dem engen Erdenband.
Doch niemand fand
Die Lösung dieses ewig rätselvollen
Problems. Die Menschen SOLLEN nicht WISSEN.
Sie sollen träumen, ahnen …
Und so verschließen
Sich Sternenbahnen.
Nun weitet sich machtvoll dem erstaunten Geist
Was Ewig-Anfanglos und Ewig-Endlos heißt.
Die Erde sinkt,
Ertrinkt
In weißer Wolken wehenden,
Zerfließenden, vergehenden
Schliergebilden.
Die wilden,
Weglosen Riesen
Der Berge,
Die himmelwärts wiesen,
Werden nun Zwerge –
Zerschmiegend in Fläche.
Die Meere, rauschend im Sturm, wogend im Wind,
Sad artige Bäche-
Bis alles zerrinnt.
Entgleiten
Will uns das Wissen. Wir müssen
Erlernen,
Auf Sternen
Heimisch zu werden.
Auf Erden
Liegt nur begraben,
Was wir erlebt, erlitten haben.
Es schwindet die Zeit –
Und weit
Öffnen sich schimmernd im Strahlenschein
Die blauen Pforten
Der Ewigkeit.
Die Zeit ist nur ein leeres Wort
Dort,
Wo nun deine Heimat ist.
Sieh, du vergißt,
Daß du nun in den Ewigkeiten
Erlernen mußt, daß Zeiten
Hier ohne Maß – ohn’ Anfang und ohn’ Ende sind.
Im Wind
Verweht
Das Weltenall.
Ein Fall
Von Sternen sind stürzende Erden…
Doch neues Werden
Atmet der ewig erzeugende Wille.
Du kannst gewiß sein: in den Händen
Des ewig rächenden Geschicks
Wird dir einmal das Maß des Glücks
Und ebenso das Maß der Qual
Gerecht gewägt. “Es war einmal”
Ist nur ein irdisches, gedankenleeres,
Verspieltes Wort.
Denn alles, was gewesen,
Lebt fort,
Und Schweres
Wird tausendmal erschwert gemessen.
Kein Lachen, keine Träne ist vergessen.
AN FRITZI
Wie ungewiß auch deiner Ahnen Reihe
Dein nobles Herz gab dir die Weihe
Aristokratischen Geblüt’s.
Du warst ein Kämpfer – feurigen Gemüts –
Ein Abenteurer und ein Vagabund.
Du liebtet es aus tiefer Ende Grund
Geheimnisvollen Gängen nachzuspüren –
Versteckten, tagesscheuen Tieren –
Und wenn du heimkamst, hast du mitgebracht
Den Staub von mancher wilden Jagd…
Du bist nie eine Zier gewesen
Für den Salon… Nein, auserlesen
Warst du von Wolken und von Wind –
Der herrlichen Natur geliebtes, ungezähmtes Kind.
Der vielen Jahre Mühen und Beschwerden
Konnten den Körper wohl in Fesseln schlagen-
Doch nie das wilde Blut. So wie in Jugendtagen
Erhob sich grollend Kampfeslust in dir –
Und aufgerichtet, königliches Tier
Vernahmst du ferne Jagdfanfaren
So wie in schönen, jungen Jahren…
Ruh aus nun! Sonnenschein und Regen
Sind über dir im Abendsegen.
Und nächtens singt der Wind mit dunklem Mund
Dein Schlummerlied. Schlaf wohl, mein treuer Hund.
In flüchtigem Begeg’nen hab’ ich dich gesehen –
Auf einem Bahnhof- kalt – im Morgenlicht…
Wie eine Woge schäumend über Felsen bricht,
Stürzte Erinnerung in jähen,
Besiegenden Gewalten auf mich nieder
Und brachte alte Zeiten wieder…
Ist doch die Jugend mir entschwunden,
Als meinem Leben du abhanden kamst!
Mir ist, als ob du mit dir nahmst
Die frohe Torheit jener Stunden,
In denen Glück ein Abenteuer
Und Sonnenlicht uns schien wie Feuer…
Du kannst mein Wesen nicht erkennen
In einem Augenblick. Du suchst die Spur
Derselben Freundin, die du liebtest, nur –
Und weißt nicht, daß mich Welten trennen
Von jener, die du einst gekannt.
Wie habe ich mich weggewandt
Und bin neue Welten eingegangen!
Mein Leben kam zur Ruh’, mein Blut will schlafen,
Ich bin im Frieden, bin im Hafen…
Die Wildheit tief verstummt, gestillt das Lustverlangen,
Blicke ich lächelnd über’s weite Meer:
Mein Schiff will keinen Kampf und keine Stürme mehr…
Gewiß: es ist das Wunder der Chemie
Das mir ein neues Leben in die Adern goß…
Mein Blut, das trüb und träge floß,
Pulst in erhöhtem Rhythmus, wie
In alten, halb vergess’nen Zeiten.
Es öffnen sich auf’s Neu’ die Weiten
Der trügerischen Fantasie –
Und aus dem kahlen Baum
Grünt neuer Sproß.
Doch mein Verstand, der nicht entzündet
Von sinnlos süßem, spielerischen Traum,
Sagt lächelnd: “Unbegründet
Ist dein Entzücken über die
Gewiß charmante Wandlung der Gefühle…
Vergiß nicht: diese deplacierte Schwüle
Ist nur Chemie!
Verzeih’ den Spott–
Jedoch du mußt verstanden haben,
Warum du einen jungen Gott
Nun siehst in diesem kaum passablen Knaben…”
Erlosch’ner Sterne Glanz
Leuchtet aus alten Namen,
Die ich in lang vergessenen Programmen fand.
Echo aus erdenfernem Land,
Wohin wir gehen und von wo wir kamen …
Ein welker Lorbeerkranz,
Ein wehes Klangverwehen,
Ist alles, was geblieben
Von Got und Haß und Lieben,
Von Ruhm und Sichverschwenden …
Es mußt’ in Asche enden,
Nur überlebt von den vergilbten Fetzen,
Die meine Tränen nun benetzen …
Seltsam beglückend ist’s, zu denken
Daß es durch Wunderkraft gelingt,
Millionen singend mich zu schenken,
Zu denen meine Stimme dringt.
Dem Vogel gleich, auf schnellen Schwingen
Entschwebe ich der engen Welt –
Und weit von hier lauscht meinem Singen
En jeder, dem es wohl gefällt.
Es weitet sich der Saal, in dem ich stehe,
Zu grenzenlosem Himmelsraum –
Und jede Ferne wird zur Nähe –
Und Wirklichkeit ein alter Traum.
Die Melodie der lauten Nächte,
Lockt dich auf’s Neu’ in diese Stadt…
Du trinkst an ihrer Lust dich satt,
Genießest deiner Jugend freie Rechte.
Du bist des Augenblickes will’ge Beute,
Und dein Erleben ist der Sinne Spiel.
Du nimmst, was dir gefällt, und fragst nicht viel
Vom Morgen, lebst allein dem Heute
Des schnell vergess’nen Abenteuers…
Ich seh’ dich an – und fühle mich so kalt…
In meinem Herzen, tot und kalt.
Verweht die Asche eines letzten Feuers…
Was für ein tragisches Gesicht!
Die Augen weinen Einsamkeiten,
Und dieser Mund sagt ohne Laut
Was tief in ihr verborgen spricht
Won sonnenüberstrahlten Weiten,
Indes sie frierend in das Dunkel schaut…
Sie schuf die schönen Frauenbilder,
Malte in Farbenleuchten Wesen, Atmen, Leben…
Und edle Tiere, deren wilder
Und ungezähmter Kraft sie Zügel schuf,
So daß in zitterndem Erbeben
Sie folgen ihres Willens Ruf. –
Sie aber ist so ganz allein
Inmitten dieser stummen Kreaturen.
Die Nacht ist nah im letzten Abendschein –
Das Meer rauscht ferne – und die Uhren
Der Zeit steh’n still und haben nichts zu sagen.
Von heute nichts und nichts von morgen –
Und nichts von neuen Tagen.
EINEM JUNGEN MÄDCHEN
Die Reue wartet irgendwo am Straßenrand
Und streckt die kalte Hand
Dir schon entgegen. Doch du siehst sie nicht.
Dein Angesicht
Ist unbeschwert …
Wie mich der Neid verzehrt
Daß du mich Kluge nicht verstehst
Und daß du töricht in dein Unglück gehst!
Wie seltsam wir das Bild der Ahnen tragen!
Es sehen mich aus meinem Spiegelbild
Die Mutteraugen, die in fernen Tagen
Das Laben mir mit Licht erfüllt,
Oft sinnend an.
Und dann und wann
Hör’ ich mein Lachen, so wie Vater lachte,
Wenn seine Sorge rasch zerrann,
Die wohl die Nacht ihm schlaflos machte.
Und jüngst dem Wellenspiel des Ozeans entstiegen,
Sah ich vor mir im weißen Sand
Dem Schatten langgestreckt und dunkel liegen,
Den Schatten einer Frau, die ich als Kind gekannt:
Die Mutter meines Vaters warf in meinem Schatten
Sich schwarz in meinen weißen Weg,
Und die Vergessene lag da, ein Steg
Der aus den Wellen hinführt in die glatten
Schützenden Mauern, wo die Herde freundlich
wärmend brennen…
Ich aber zitterte in staunendem Erkennen.
Ich stehe an des Abends Schwelle.
Wie einen Mantel, sanft und schön,
Fühle ich seine zarten Schatten
Sich lind um meine wegematten,
Tagmüden Glieder legen –
Um meine Stirne aber
Leuchtet noch der Sonne Helle.
Der Tag, der glühend auf den Wegen
Den tollen Reigen tanzte, sinkt ermüdet
In tief’res Blau, und hold befriedet
Ruh’n meine Hände
Und warten
Auf des Tages Wende.
Fallender Sterne jäh versprühende,
Sausende Pfeile! Wieviel glühende
Brennende Wünsche hatt’ ich zu sagen
Einst in versunk’nen, jungen Tagen!
Aberglaubend hold befangen
Rief ich sehnendes Verlangen
Euren Flammenbahnen zu.
Nun hat sich die schöne Ruh’
Über mich so lind ergossen,
Und mein Herz ist kühl umflossen
Wie von weißem Mondenschein
In wunderbarem Stillesein.
Der Sturm, in jähem Sausen,
Hat sich herabgeschwungen,
Ist in der Brandung Brausen
Lachend an’s Land gesprungen.
Er hat die ganze Nacht
Sein tolles Lied gesungen…
Aus frommem Traum erwacht,
Hab ich dem wilden Jungen
Gelauscht, von Lust durchglüht.
Am Morgen war alles verklungen
Der Sturm – der Knabe – das Lied.
Der Mutter Stimme dunkles Gold
Klinkt mir aus fernen Kindertagen.
Sie konnte singend Schönstes sagen
Und unbewußt und ungewollt
Uns aus des Alltags Dämmer tragen.
Der Mutter Stimme stückzerbroch’nes Glas –
So hörte ich die Greisin singen-
Ein zitternd’ Suchen nach verstummtem Klingen,
Und sah die Augen, tränennaß.
Die eig’ne Stimme, glutdurchbrannt,
Klingt mir aus langen Lebensjahren
Von bunten Ufern, wunderbaren,
Fern meinem weißen, stillen Strand.
Die eig’ne Stimme, stückzerbroch’nes Glas –
Läßt mich der Mutter Traurigkeit ermessen:
Aus ihren Tränen, unvergessen,
Steigt in die Augen mir das heiße Naß
Um jenen Schatz, den sie und ich besessen.
Und Sterne sinken, flammend im Verweh’n,
Ihn’s blaue, tief verströmte Schweigen.
In ihrer Spur, in ew’gem Reigen,
Die neuen strahlend aufersteh’n.
Und Menschen zeigen
Zum Himmel auf, jählings entbrannt
In neuem, süßesten Erkennen…
Gesegnet, die so leicht entbrennen!
Gesegnet der, dem Gestern abgewandt,
Dem Heute glückbereit entgegenzittert,
In der Fallende zersplittert
In unabwendbarem Entgleiten
An dem Gesetz der Ewigkeiten.