Mignon III

So laßt mich scheinen, bis ich werde,
Zieht mir das weiße Kleid nicht aus!
Ich eile von der schönen Erde
Hinab in jenes feste Haus.

Dort ruh’ ich eine kleine Stille,
Dann öffnet sich der frische Blick;
Ich laße dann die reine Hülle,
Den Gürtel und den Kranz zurück.

Und jene himmlischen Gestalten
Sie fragen nicht nach Mann und Weib,
Und keine Kleider, keine Falten
Umgeben den verklärten Leib.

Zwar lebt’ ich ohne Sorg’ und Mühe,
Doch fühlt’ ich tiefen Schmerz genung.
Vor Kummer altert’ ich zu frühe;
Macht mich auf ewig wieder jung!

So let me seem, until I become so;
don’t take the white dress away from me!
From the beautiful earth I hasten
down into that solid house.

There I will repose a moment in peace,
until I open my eyes afresh;
then I will leave behind the spotless garment,
the girdle and the wreath.

And those spirits of heaven
do not ask whether one is `man’ or `woman’,
and no clothes, no robes
will cover my transfigured body.

Although I have lived without trouble and toil,
I have still felt deep pain.
Through sorrow I have aged too soon;
Make me forever young again!

Harfenspieler II

An die Türen will ich schleichen,
Still und sittsam will ich stehn,
Fromme Hand wird Nahrung reichen,
Und ich werde weitergehn.

Jeder wird sich glücklich scheinen,
Wenn mein Bild vor ihm erscheint,
Eine Träne wird er weinen,
Und ich weiß nicht, was er weint.

I will creep from door to door;
quiet and humble will I stand.
A pious hand will give me food,
and I shall go on my way.

Everyone will think himself lucky
when he sees me before him;
a tear will he shed,
but I won’t know why he weeps.

Mignon II

Nur wer die Sehnsucht kennt
Weiß, was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude,
Seh ich ans Firmament
Nach jener Seite.

Ach! der mich liebt und kennt,
Ist in der Weite.
Es schwindelt mir, es brennt
Mein Eingeweide.
Nur wer die Sehnsucht kennt
Weiß, was ich leide!

Only one who knows longing
Knows what I suffer!
Alone and cut off
From all joy,
I look into the firmament
In that direction.

Ah! he who loves and knows me
Is far away.
I am reeling,
My entrails are burning.
Only one who knows longing
Knows what I suffer!

Harfenspieler III

Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.

Ihr führt ins Leben uns hinein,
Ihr laßt den Armen schuldig werden,
Dann überlaßt ihr ihn der Pein:
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.

He who never ate his bread with tears,
He who never, through miserable nights,
Sat weeping on his bed –
He does not know you, Heavenly Powers.

You lead us into life,
You let the wretched man feel guilt,
And then you leave him to his pain –
For all guilt avenges itself on earth.

Mignon: Kennst du das Land?

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunkeln Laub die Gold-Orangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
Kennst du es wohl?
Dahin! dahin
Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn.

Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach.
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan?
Kennst du es wohl?
Dahin! dahin
Möcht ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn.

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg;
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut;
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut!
Kennst du ihn wohl?
Dahin! dahin
Geht unser Weg! O Vater, laß uns ziehn!

Do you know the land where the lemon trees blossom,
Among dark leaves the golden oranges glow,
A gentle breeze from blue skies drifts,
The myrtle is still, and the laurel stands high?
Do you know it well?
There! there
I would go with you, my beloved.

Do you know the house? On columns rests its roof.
The great hall glistens, the chamber shines,
And the marble statues stand and look at me:
What have they done to you, poor child?
Do you know it well?
There! there
I would go with you, oh my protector.

Do you know the mountain and its path amidst the clouds?
The mule searches in the fog for its way;
In caves dwells the dragon of the old breed;
The cliff falls, and over it the flood!
Do you know it well?
There! there
Leads our way! oh father, let us go!

The following Mignon song was not used on the 2016 Goethe program.

Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen,
Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht,
Ich möchte dir mein ganzes Innre zeigen,
Allein das Schicksal will es nicht.

Zur rechten Zeit vertreibt der Sonne Lauf
Die finstre Nacht, und sie muß sich erhellen,
Der harte Fels schließt seinen Busen auf,
Mißgönnt der Erde nicht die tiefverborgnen Quellen.

Ein jeder sucht im Arm des Freundes Ruh,
Dort kann die Brust in Klagen sich ergießen,
Allein ein Schwur drückt mir die Lippen zu,
Und nur ein Gott vermag sie aufzuschließen.

Don’t ask me to speak – ask me to be silent,
for my secret is a [solemn] duty to me.
I wish I could bare my soul to you,
but Fate does not will it.

At the right time, the sun’s course will dispel
the dark night, and it must be illuminated.
The hard rock will open its bosom; and
ungrudgingly, the earth will release deep hidden springs.

Others may seek calm in the arms of a friend;
there one can pour out one’s heart in lament.
But for me alone, a vow locks my lips,
And only a god has the power to open them.